Die Kammer: Carnival of the Peculiar-Tour 21.01.2017 Club Puschkin Dresden

Das neueste Album von Die Kammer trägt den Titel „Season III – Solace in Insanity“ und mit der „Carnival of the Peculiar-Tour“ wurde das aktuelle Meisterwerk noch einmal gebührend gefeiert werden, bevor es in diesem Jahr wohl schließlich die nächste Season in CD-Form geben wird. Gesagt – getan – mit Pauline Paris im Vorprogramm ging es quer durch deutsche Clubs und am 21.01.2017 wurde die Konzertreise mit einem fulminanten Abend im Puschkin in Dresden beendet. Da bedurfte es keiner Extra-Einladung – da waren wir natürlich mit von der Partie.

Pauline Paris

Der Einlass verlief flott und so nach und nach füllte sich der Konzertraum in dem kleinen Dresdner Club dann doch – wir hatten anfangs schon Sorge. Doch dann waren zahlreiche Fans vor Ort und es konnte los gehen. Aus dem Backstage-Bereich kam eine kleine Frau mit kurzen Haaren, die eine Gitarre in Händen hielt – das war Pauline Paris, die uns mit einem verschmitzten „Gute Nacht“ begrüßte. Die Französin verriet, dass sie „a few french songs“ für uns spielen wolle – wir waren gespannt. Ihre Stimme war sehr angenehm und erinnerte mich persönlich schon ein wenig an die große Edith Piaf – das kann aber auch daher kommen, dass auch Pauline Chansons zum Besten gab. Beim Singen lächelte sie unentwegt und ihr Gitarrenspiel war einfach, aber gekonnt. Von den ersten Tönen an wurde am Merchandise-Stand mitgeschunkelt und so nach und nach gaben sich auch die Zuschauer einen Ruck. Das zweite Stück „is called 1 für 2“, so Pauline. Sie hatte echt gute Laune und tänzelte beim Spielen sogar noch ein wenig umher. Voller Hingabe trällerte sie den Text, was gut beim Publikum ankam. Jedes Lied erklärte sie kurz auf Englisch – so war der nächste Track etwas über „the romantic way about me“. Hierbei war der Refrain recht flott, so dass doch ein wenig Bewegung vor der Bühne aufkam. In „Sergueï“ ging es um einen russischen Gitarristen, den sie einst spielen hörte – er hatte während der Darbietung eines DJs gespielt, so laut, dass der DJ irgendwann kaum noch zu hören war. Auch wenn Pauline nur allein auf der Stage stand, ihre Präsenz war einnehmend und ihr schelmisches Grinsen sowieso.

Pauline Paris

Zu „Jack“ wurde die Zuschauerschar eingebunden – „you guys are the rhythm-session“ – das klappte auch ganz gut – überall wurde mit den Fingern im Takt geschnipst. Da wohl die meisten den französischen Text nicht so gut verstanden, verriet die Sängerin hiernach: „This was my murderous side.“ Dem folgte die heiße Seite der kleinen Dame – „it talkes about sex and orgasm“ war ihre Erklärung zu dem Stück. Mit geschlossenen Augen stöhnte sie ins Mikrofon und dann folgte die Aufforderung: „Let’s do the orgasm together – close your eyes, think of me touching you all over.“ Ihr Grinsen dazu war einfach göttlich! Und es wurde tatsächlich auch im Publikum mitgestöhnt – was für eine akustische Orgie. Das war echt mal was anderes. Nach einem Lied über ein Krokodil bedankte sich Pauline beim Soundmann, der sie für uns in Szene gesetzt hat und stimmte mit flottem Rhythmus „Dans la ville“ an, wobei mir persönlich ja besonders der häufige Wechsel im Tempo gefiel. Echt cool! Hiernach war dann aber schon Schluss mit Vorprogramm. Die Sängerin verabschiedete sich bei uns mit einem „Auf Wiedersehen“ und bekam aus dem Publikum noch einen kleinen Blumenstrauß geschenkt, worüber sie sich freute. Ich hatte selten soviel französische Lieder am Stück gehört, doch es war sehr angenehm und der Beifall ließ vermuten, dass es nicht nur mir gefallen hatte. Danke für diese Darbietung!

Die Kammer

Dann wurde noch ein wenig aufgebaut, Lampen an den Plätzen der Musiker angeschaltet, Gläser mit Wein und mehr gefüllt und dann kamen endlich alle Damen und Herren von Die Kammer bei einem Intro nach vorn. Personell gab es einige Neuheiten – so etwa Benni Cellini am Cello, Ingo Römling am Bass und Harold Nardelli mit der Tuba. Der Rest war altbekannt und gemeinsam starteten sie durch. Von den ersten Tönen an wurde zu „The line of last resistance“ mitgeklatscht. Der Sound war echt gut und die beiden Frontmänner Marcus und Matthias standen zusammen in der Mitte und spielten ihre Gitarren. Dabei lächelten sie zufrieden und spielten auch mal einzelne Mitmusiker direkt an – wie etwa Matthias Raue bei seinem Violinensolo. Dann folgte „Fate / Illusion“, wo die Zuschauer im Takt mitwippten. Die kleine Bühne im Puschkin war mit den acht Musikern echt voll, aber trotzdem war immer noch Platz für kleine tänzelnde Einlagen der Sänger. Der zweistimmige Gesang kam gut rüber und im Anschluss begrüßte uns Marcus mit folgenden Worten: „Einen wunderschönen guten Abend. Es ist uns eine große Ehre und Vergnügen, unseren Tourabschluss bei euch in Dresden zu feiern.“ Er verriet, dass sie an Season IV arbeiten, was für Jubel bei den Zuschauern sorgte. Der Applaus hielt direkt an, als „Word and deed“ angestimmt wurde – es wurde mitgeklatscht und auch das Tuba-Solo wurde gefeiert. Bevor dann mit „Auld Weeping Willow“ im Programm weiterging, erzählte Matze, dass die Songs von Die Kammer immer „eine kleine Geschichte“ erzählen würden, „die eine höhere Metabedeutung haben“. Doch dann wurde besagtes Stück dargeboten, wo Marcus mit seinem besonders tiefem Gesang und seiner Mimik und Gestik beeindruckte. Bassist Ingo genoss oft die Stimmung mit geschlossenen Augen – das nenne ich mal Leidenschaft.

Die Kammer

„Intoxication Intravenous“ wurde von Matze mit einem kleinen Glockenspiel angespielt und die Fans jubelten. Marcus hatte kaum Zeit zu erklären, dass es hier um Ängste ginge, denn „wir alle haben viel Angst“. Mit Inbrunst und einem wilden Grinsen sang er dann die Liedzeilen – das machte Spaß! Das Publikum hatte echt Freude an der Darbietung. Es ging direkt weiter mit „Gingerbread heart“, wo eine Triola zum Einsatz kam und Drummer Oliver souverän den Takt angab. Wenn ihr mal wissen mögt, was Spielfreude und Hingabe ist, dann solltet ihr Marcus bei diesem Stück live zusehen – besser geht es nicht! Dann wurde zwei Hocker aufgestellt und Marcus und Matze setzten sich – es gab nun „Die Kammer in kleiner Besetzung – das wollen wir euch nicht vorenthalten“. Dazu verschwanden Ingo, Oliver und Harold von der Stage. Lediglich die beiden Sänger und die Streicher blieben übrig, um für uns „The grand graveyard of hopes“ zu spielen. Kerzen wurde auch noch entzündet, was eine spezielle Stimmung erzeugte. Beim Spielen hatten die Musiker immer wieder die Augen zu – wirklich jeder im Saal genoss den Moment! Dann kam Pauline auf die Stage, denn Die Kammer hat ja laut Marcus „eine leicht frankophile Ader“. Er berichtete davon, wie sie Pauline kennen gelernt hatten und dass es „Liebe auf den ersten Blick“ war. Zusammen boten sie uns dann ihren Song „Au lit“ dar – darin geht es „um zwei, die im Bett liegen und überlegen, ob sie aufstehen sollen“. Die Stimmen von Marcus und der kleinen Französin passten echt super zusammen und die Triola rundete den Sound dann noch ab. Der Beifall im Anschluss zeigte allen Mitwirkenden, dass diese Zusammenarbeit echt gelungen war. Pauline verabschiedete sich wieder und mit „Mirror“ erlebten wir eine „Ode ans Leben“. Beim Refrain sangen alle im Saal mit – ein wahrer Gänsehautmoment, der mir echt die Tränen der Rührung in die Augen trieb. „Right here, right now – I’m alive“ – ja, das habe ich genau da wirklich gespürt! Dann kamen die verschwundenen Musiker wieder zurück, die Hocker verschwanden dafür wieder.

Die Kammer

Marcus teilte sich kurz einen Whiskey mit Benni und dann folgte ein Intro mit Mädchengesang – „Solace in insanity“ war an der Reihe, wo Marcus von Gitarre zu Triola wechselte und auch noch sang – ein Multitalent! Matze ging ebenfalls völlig in der Musik auf und bangte schon fast im Takt. „The seeming and the real“ war dann ein wahres Fest – mit Seitenwechsel bei den Sängern, Geigen-Soli, Gesang mit dreckigster Stimme, einer Pause im Stück und dann wurde der Track wieder weitergespielt. Und dann: „von linear erzählt kommen wir jetzt zum Anfang der Geschichte“ – gemeint war das erste Lied der Formation und so wurde „The orphanage“ auch endlich angestimmt. Die Fans klatschten hier mit und wippten im Takt hin und her. Nach diesem Klassiker ging es dann aber wieder mit neuerem Material weiter. So wurde die „Praying mantis“ besungen – die Gottesanbeterin, die auch auf dem Tourplakat zu sehen ist. „Die Gottesanbeterin steht für das Besondere, für Vielfältigkeit“ und mehr, so Marcus. Das Stück bot außerdem „den Mitsingpart der besonderen Art“ – „mesmerised, analysed, paralysed, satirised, randomised, victimised“ – diesen Zungenbrecher brachten aber dann doch eher nur wenige zustande – machte aber nichts, Spaß hatten wir allemal. So auch bei „Slipping around the corner“, wo herum gesprungen wurde, die Arme waren oben und alle sangen aus voller Brust mit – „mir geht grad die Luft aus, also müsst ihr“, meinte Marcus scherzhaft. Die Streicher strahlten übers ganze Gesicht ob der guten Stimmung im Saal. Um große Gefühle ging es auch bei „Endangered memories“, wo Ingo ordentlich mitgroovte. Sounds der anderen Art hatte Aline dann zu „Sinister sister“ auf Lager – sie holte eine Art Flöte hervor, während Marcus mit dem Mund pfiff. Die Zuschauer tanzten zu diesen Klängen, hüpften im Takt und rockten zusammen mit den Musikern ab. Matze bangte drauf los und das taten ihm einige Fans gleich. Dann folgte aber „das letzte Stück des Abends, bevor ich ins Sauerstoffzelt gehe“, so Marcus – gemeint war der Titelsong der Tournee, nämlich „Carnival of the peculiar“. Da ging es noch einmal so richtig ab. Marcus stellte alle Kollegen namentlich vor und jeder und jede bekam seinen verdienten Szenenapplaus. Als dann die letzte Note gespielt war, bedankte sich die Formation mit einem „Dankeschön“, das aus tiefsten Herzen kam. Mit einem Winken verabschiedeten sie sich und verließen allesamt die kleine Bühne.

Die Kammer

Das sollte es doch aber nicht schon wirklich gewesen sein?! Die Zuschauer klatschten und riefen nach einer Zugabe. Dann, nach kurzer Weile, kam Die Kammer wieder nach vor und Marcus meinte: „Ihr seid’s ziemlich geil!“ Mit einem breiten, zufriedenen Lächeln verkündete er, dass auch diese Formation einen „Popsong“ habe und genau dieser sollte nun gespielt werden. So kamen wir in den Genuss von „Love for life“, wo die Arme der Fans eine Art Meer bildeten.

Mit diesem schönen Bild vor Augen verließen wir dann aber den Ort des Geschehens. Es war wieder einmal ein besonderer Abend, den uns Die Kammer da bescherte. Viele Gefühle wurden bespielt, mit Pauline Paris hatten wir neue Klänge kennen gelernt und insgesamt hatten wir einfach eine schöne Zeit. Danke die Damen und Herren! Wir freuen uns schon jetzt auf Season IV und auf die Konzerte dazu – da werden wir wieder mit von der Partie sein!

Autor: Scratchcat

Photos: Pyro

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