Festival Mediaval 2016: 09.-11.09.2016 Goldberg Selb – Tag 2

Skaluna
Skaluna

Der zweite Festivaltag begrüßte uns mit viel Sonnenschein und einem rappelvollen Programm, das mit dem Auftritt von Skaluna startete. Die deutsche Band hatte im vergangenen Jahr den Goldenen Zwerg in der Kategorie „Spielmann“ für sich erstritten und durfte den Samstag eröffnen. Vor der Burgbühne versammelten sich die ersten Gäste und warteten gemeinsam mit der Band zunächst einmal auf die Sängerinnen, die sich ein wenig  verspätet hatten. Sängerin  ist übrigens auch das Stichwort, denn Skaluna stellte dem Selber Publikum auch gleich eine neue Stimme vor. Während im letzten Jahr noch Gaby am Mikrofon stand, ist dieser Platz seit einiger Zeit der neue Wirkungskreis von Jelena. Das Set von Skaluna setzte sich vorrangig aus Traditionals zusammen, Jelena überzeugte mit stimmlicher Vielfalt. Die Leute vor der Bühne beklatschten die Band und tanzten auch mit. Mir persönlich hat jedoch die Besetzung aus dem letzten Jahr besser gefallen, da war irgendwie mehr Pep drin. Der Auftritt hat mich leider – wie es auf Neudeutsch heißt – nicht abgeholt. Sorry!

Punch'n'Judy
Punch’n’Judy

Weiter ging es mit Punch’n’Judy aus dem Ruhrgebiet. Die Truppe um Frontmann Sascha hat sich dem Folkrock verschrieben und den zelebrierten sie auch. Rockige Klänge, gemixt mit folkigen Melodien und kraftvollem Gesang, schallten über die Wiese vor der Schlossbühne und rissen auch die letzten verschlafenen Gäste mit. Sascha wirbelte über die Bühne wie ein Derwisch, stand mal vorn am Bühnenrand, dann wieder gesellte er sich zu seinen Kollegen und sang sie an. Der Begriff „Rampensau“ trifft es wohl am ehesten. Gut gefallen hat mir der Mix aus verschiedenen Genres – das ist nicht einfach nur Folkrock oder Mittelalterrock. Punch’n’Judy vermischen die Stile, geben Instrumenten wie dem Akkordeon Raum und bringen dadurch eine große Vielfalt auf die Bühne. Prima, weiter so!

Fuchsteufelswild
Fuchsteufelswild

Wir verließen das Feiervolk an der großen Bühne und machten einen Abstecher zum Newcomer-Award, wo Fuchsteufelswild als letzter Bewerber des Tages schon in den Startlöchern standen. Die Regensburger Band hatte im Vorfeld viel Eigenwerbung betrieben und die Massen vor der Theaterbühne warteten gespannt. Der Auftritt, der für die teilnehmenden Bands immer nur gut 20 Minuten dauert, zeigte, dass die Band viel Potenzial hat. Stimmlich und musikalisch haben Bastian Brenner (ehemals Feuerschwanz und Saltatio Mortis) und seine Truppe perfekt abgeliefert. Es wurde viel getanzt, mitgeklatscht und auch mitgesungen. Zu Recht haben die Füchse am Ende des Tages den Goldenen Zwerg in der Kategorie „Mittelalter-Rock“ in Empfang genommen und dürfen im nächsten Jahr einen Slot auf einer der großen Bühne besetzen. Gratulation auch an dieser Stelle nochmal!

Unser Weg führte uns als nächstes in die Goldbergbucht, wo wir uns einen der leckeren Kokosnuss-Cocktails genehmigten. In der Bucht selbst war es noch ruhig, die Mittagssonne lachte über uns und so konnten wir ein wenig das Ambiente genießen und die Vögel der Falknerei Bielriet bestaunen. Darüber verpassten wir allerdings den Auftritt von Malva de Runa, die zwar in nächster Nähe auf der Burgbühne spielten, jedoch so ruhige Klänge produzierten, dass dies nur direkt vor der Bühne zu hören war. Ich habe mir allerdings sagen lassen, dass die Spanier einen guten Job  gemacht haben und ein verklärt lächelndes Publikum zurückließen.

Faey
Faey

Auf der Schlossbühne standen derweil schon Faey bereit. Das Projekt, welches die neue musikalische Heimat von Sandra Elflein (ehemals Faun) ist, gilt als Folkband. Ich hatte mich also ein wenig auf ein entspanntes Konzert mit vielen akustischen Klängen eingestellt. In diesem Fall aber wurden meine Erwartungen enttäuscht. Deutlich angerockt begannen Faey ihr Set und sorgten damit für einige verwirrte Gesichter im Publikum. Die Band absolvierte zudem ihren ersten Auftritt als Sextett, da Geiger Matthias quasi neu dazugekommen ist. Nichtsdestotrotz legten die Franken einen soliden Auftritt hin, der die Besucher zum Tanzen und Mitwippen animierte.

Heimataerde
Heimataerde

Wir schlenderten noch eine Weile über den Goldberg und suchten uns aus dem reichhaltigen Versorgungsangebot etwas Leckeres zum (verspäteten) Mittagessen. Frisch gestärkt konnte es dann weitergehen, denn die Templer von Heimataerde hatten schon auf der Burgbühne Stellung bezogen. Die Band aus dem Pott spaltet irgendwie die Geister der Mittelalterszene. Mit ihrem doch sehr elektronischen Repertoire wollten sie so gar nicht nach Selb passen – aber alle Bedenken im Vorfeld waren unbegründet. Ashlar von Megalon und seine Mitstreiter kamen zwar mit fetten Bässen und einer heftigen Show daher, aber die Menge an Publikum, die vom ersten Ton an mittanzte und auch mitsang, gab ihnen recht. Fasziniert verfolgten die Leute die Show, die mit einigen Schreckmomenten und viel Kunstblut aufwartete. Die Band, die in der prallen Sonne in ihren Rüstungen ziemlich durchgegart wurde, riss den Goldberg aus seinem Mittagstief und erhielt dafür viel Beifall und stieß auf großes Interesse. Für mich persönlich war der Auftritt genau das Richtige zu dieser Zeit, denn ich konnte ein wenig Energie raus lassen und wie viele andere beklatschte und bejubelte ich die Tempelritter. Stilbruch hin oder her – das war eines meiner Festivalhighlights!

Grai
Grai

Leider konnte ich den Gig nicht bis zum Ende genießen, denn ich hatte ein Date mit Michael Popp von Estampie/Qntal, mit dem ich zum Interview verabredet war. Das könnt ihr demnächst auf unseren Videokanälen begutachten. Deswegen ging auch der Auftritt von Grai aus Russland an mir vorbei. Was ich davon noch mitbekommen habe, erinnerte mich schwer an Arkona. Hier war also Haare schütteln angesagt und ein Blick ins Publikum zeigte, dass es den Leuten gut gefallen hat.

Dikanda-Gig
Dikanda-Gig

Wir nutzten die kurze Pause bis zum nächsten Programmpunkt für einen Abstecher über den Handwerkermarkt, auf dem sich wieder viele vorführende Gewerke präsentierten. Doch allzu lang konnten wir gar nicht bleiben, denn auf der Burgbühne baten Dikanda aus Polen zum Tanz. Das siebenköpfige Ensemble hat sich den traditionellen  Klängen aus Osteuropa, Israel und dem Orient verschrieben, präsentieren diesen Mix jedoch in ihren vielen eigenen Kreationen. Die Musik, die die Stettiner da auf die Bühne brachten, ging jedem sofort in die Beine. Die Sängerinnen Ania und Kasia sind so gut aufeinander eingespielt, dass sie mit viel Harmonie, aber auch ebensoviel Herzblut und Hingabe einen ganz besonderen Geist transportieren. Wir ließen uns mitreißen und tanzten mit dem Publikum, was das Zeug hielt. Ania erklärte zwischendurch die einzelnen Lieder und forderte mit trillernden Schreien zum Tanzen auf – eine Party in der ungarischen Puszta oder auf einer türkischen Hochzeit hätte nicht schwungvoller sein können. Das war Weltmusik vom Allerfeinsten und zu Recht ein Highlight des Balkan-Specials.

Omnia
Omnia

Danach stürmten die meisten Besucher nach oben an die Schlossbühne – das Programm versprach das Jubiläumskonzert zu 20 Jahren Omnia mit einem Querschnitt durch das Schaffen der Band aus Holland und ehemaligen Bandmitgliedern als Gästen. Entsprechend gespannt warteten auch wir auf den Beginn der Show. Nun ist es so, dass ich persönlich nicht so genau weiß, ob ich von dem Konzert enttäuscht war oder ob ich mir die Band einfach überhört hab. Fakt ist, dass das dargebotene Set sich bis auf wenige Ausnahmen kaum von den Auftritten der vergangenen Jahre unterschied, was die Fans unheimlich freute. Aber wenn sogar diejenigen, die die Band nur selten sehen, die Ansagen zum Großteil mitsprechen können, hat das nichts mehr mit „Best Of“ zu tun. Das fand ich ein wenig dünn! Von den im Programmheft angekündigten Ex-Mitgliedern war auch nur Joe Hennon anwesend. Ansonsten gab es den traditionellen Gastauftritt von Kelvin Kalvus und einen unschönen Versprecher, als Steve das Publikum zum Abschlussbild aufforderte. Nichtsdestotrotz wurden Omnia vom Publikum gefeiert wie Hollywood-Stars, aber auf mich wirkte das Ganze ein wenig lieblos, sorry!

R.U.T.A.
R.U.T.A.

Die darauf folgende Formation R.U.T.A. aus Polen, die nach eigener Bandbeschreibung eine Art radikaler Musik-Clan sind, konnten uns auch nicht so recht überzeugen. Ich hatte das Gefühl, von den sieben Musikern spielte jeder etwas anderes. Das war selbst mir zu Avantgarde und wir beschlossen, uns ein spätes Abendessen zu gönnen und versuchten in der Goldbergbucht unser Glück. Wir fanden ein hervorragendes, saftiges Rindfleischsandwich zu einem vernünftigen Preis und jede Menge Besucher, die sich dort die Feuershow der Artistentruppe Anam Cara anschauten. Die laue Spätsommernacht und die Musik hatte viele Gäste aus dem Ort in die Bucht gelockt, was für rege Begängnis sorgte und uns nicht mal bis zum Floß und der Kokosnussbar vordringen ließ.

Qntal
Qntal

Das war aber gar nicht schlimm, weil wir sowieso ein Date an der Schlossbühne hatten. Dort stand nämlich das zweite Jubiläumskonzert des Tages an – es ging um 20 Jahre Qntal und das mussten wir selbstverständlich sehen. Die Band ist mein persönlicher Einstieg in die Gothicszene gewesen, ihre Klassiker „Unter der Linden“ und „Ad Mortem Festinamus“ haben mich in wallenden, schwarzen Gewändern über die Tanzflächen wedeln lassen, die älteren Alben von Qntal zählen bis heute zu meinen All-Time-Favoriten und die neuen erwarte ich jedesmal mit großer Spannung. Außerdem hatte Michael Popp im Interview am Nachmittag ein paar Überraschungen versprochen. Die zahlreich versammelten Besucher vor der Bühne waren wohl ebenso gespannt, denn als Qntal die Bühne betraten, entlud sich das in tosendem Applaus. Es gab tolle Versionen der bekanntesten Hits von Qntal zu hören, Sängerin Sigrid erklärte zu jedem Track, aus welchem Jahr er stammte und was die Bedeutung davon ist. Auch optisch wurde eine Menge geboten, die beiden Künstlerinnen Beatrice Baumann und Namjira As-Sefid begleiteten einige Tracks mit Jonglage und Feuerspielen. Bei einem Track hielten die Bandmitglieder die Raubvögel der Falknerei Bielriet auf den Armen und der mongolische Obertonsänger Epi unterstützte die Band mit seinem Gesang und allerlei witzigen Zwischenrufen. Schließlich gab es noch das berühmte „Ad Mortem Festinamus“ in der Zugabe und die Menge rastete schier aus. Ein toller Tagesabschluss und ein sehr großartiges Konzert, das eines Jubiläums würdig war!

Wir strichen danach allerdings erschöpft die Segel und blieben nicht bis zum Mitternachtsspecial, obwohl wir uns die Capella Bardica Mythodeanis gern angesehen hätten. Aber der Tag forderte seinen Tribut und wir hörten ganz laut und deutlich unsere Pensionsbetten rufen.

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Autor: Pitchfairy

Photos: Michi, Draconia & Chrounos

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