Rezension Konkursbuch 36 – Petra Flocke, Regina Nössler & Imken Leibrock – „Haare“

Haare – jeder Mensch hat sie – an den verschiedensten Körperstellen. Schon der von mir so geschätzte Jan Hegenberg sang in einem seiner Lieder über „Haare“ und er war der Meinung: „Auch Haare haben ihren Sinn.“ Am 01.01.1999 erschien mit „Haare“ das Konkursbuch 36 im Hause Konkursbuchverlag – eine Anthologie über Haare in jeglicher Form – betrachtet aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln. Mal sehr persönlich oder mit viel Abstand, dann wieder hygienisch betrachtet, kultur- oder kunsthistorisch oder einfach nur als Arbeitsfeld eines Frisörs – so und noch vielfältiger sind die Herangehensweisen, die die zahlreichen Autoren und Autorinnen in diesem Buch zum Thema haben. Herausgegeben wurde das Ganze von Petra Flocke, Regina Nössler und Imken Leibrock, von denen eine auch selbst einen Text zum Werk beigesteuert hat.

Los geht es direkt mit dem Thema „Wie bekämpfe ich meine Körperhaare?“ – wer die Körperbehaarung also auch als lästig empfindet, findet hier eventuell Tipps. Dem folgt eine sehr knappe Einleitung der Herausgeberinnen, die kurz zusammenfassen, was sie mit dem Buch aussagen wollen – dabei sagen sie: „Kaum ein anderes Körpermerkmal versteht sich so sehr als Aushängeschild des Selbst.“ Recht haben sie. Das wird im Laufe des Werkes auch klar.

Viele der Autoren erzählen ihre ganz privaten Erfahrungen mit Haaren – sei es ein einzelnes Brusthaar, wie bei Dagmar Suganda, Schambehaarung wie etwa in den Erzählungen von Diana Knecevic und bip. Oder auch die Form der Frisur als Identitätsmerkmal in einer bestimmten Gesellschaftsgruppe, wie zum Beispiel bei den Metal-Fans – so nachzulesen in einem Chat-Auszug von Metal-Online. Auf einige Beiträge möchte ich gesondert eingehen, weil diese mich beeindruckt haben oder ich sie als besonders interessant empfand.

Sabine Ahrens – „Über die Haare von Männern in der Bibel“ – die Autorin zeigt hier mannigfache Deutungsmöglichkeiten von Haaren im „Buch der Bücher“ auf – dabei zeigt sie an vier Beispielen, wie unterschiedlich es doch sein kann – „Esau, Simson, Absalom und Elisa“ halten hier als Exempel her. Mal wild behaart und stark, mal kahlköpfig und klug – so können die Herren in der Bibel gedeutet werden. Was die Frisur mit ihrem Schicksal zu tun hat – lest es hier nach.

Die Autorin Susanne Wittekind reiht sehr ausführlich in „Die Entdeckung der Haare im modernen Portrait. Das Bild der Frau als Ideal und Kritik des Bürgertums“ auf, wie die Darstellung der Frisur bei Frauen in Gemälden zeigt, wie sich die Rolle derselben in der Gesellschaft doch verändert hat – von züchtig, über verräterisch bis hin zu sinnlich und erotisch. Die Schreibweise im Artikel ist dabei leider etwas ermüdend und langatmig, doch das Thema an sich trägt den Leser durch die Zeiten und die Entwicklung in der Kunsthistorie.

Spannender fand ich dann Karin Ricks Berichte über ihre Mutter Louise Rick. In „Her story is a hair story“ erzählt sie über ihre berühmte Mutter, die einst mit Schaufrisieren sehr berühmt geworden ist. Sie berichtet über die Anstrengung, die die einfache Frisörin mit viel Übung und Selbstaufgabe in die Wettkämpfe investiert hat. Dabei war sie als Mutter auch oft abwesend, doch Karin hat sie trotzdem als liebevolle Frau empfunden, die sich auch um ihre Familie gekümmert hat. Immer wieder gewann Louise Rick auch internationale Wettkämpfe und kreierte viele Trends mit – absolut aufschlussreich. Wie sehr ein Beruf doch auch zur Berufung werden kann.

Mehrere Interviews mit Frisörinnen – professionellen und solchen, die nur in ihrer Freizeit als solche fungieren – zeigen, welche Bedeutung das Handwerk und die Arbeit am Haar eben für die Einzelnen haben können. Mal ist es Ausdruck der Identität als Lesbe, wie bei Bianca, oder auch als komplette Lebensphilosophie wie bei Petra Kuhl. Haare sind eben nicht gleich Haare.

Del LaGrace Volcano erzählt in „Meine Löwenmähne“ von ihrer Entwicklung als Vollweib mit wilden, langen Haaren hin zu einer Frau mit sehr kurzen Haaren und Bart. Dieses Spielen mit den Rollen und dem „Leben zwischen den Geschlechtern“ ist nicht einfach und so spielen Haare eben ein „immens wichtige Rolle“ in ihrem Leben. Gern würde ich dazu noch mehr erfahren, aber die Geschichte ist nicht sehr lang.

Und natürlich darf in einer Anthologie über „Haare“ auch nicht der Titelsong des Musicals „Hair“ fehlen – zu finden auf Seite 203. Wer das Stück kennt, fängt automatisch beim Lesen des Textes an, diesen zu singen – und ich hatte dann entsprechend eine ganze Weile lang einen Ohrwurm – „Flow it, show it – long as God can grow it! Hair!“

Da ich selbst Kulturgeschichte studiert habe, empfand ich dieses Buch als sehr spannend und umfassend. Natürlich gibt es noch viele andere Themen, die mit Haaren zu tun haben und die hier nicht auftauchen, wie zum Beispiel Schmuck aus den Haaren von geliebten Verstorbenen zu basteln oder mehr. Aber das macht gar nichts – denn die Bandbreite ist hier schon sehr gut. Wer ein wenig über den Tellerrand schauen möchte, der kann hier in das „haarige“ Thema eintauchen und sich „einflechten“. Seid nicht scheu und lest drauf los!

Autor: Scratchcat

Veröffentlichungsdatum: 01.01.1999

Verlag: Konkursbuchverlag Claudia Gehrke

Format: 13,5 x 1,4 x 20,8 cm/ 240 Seiten

ISBN: 978-3887692360

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