26. WGT: 02.-05.06.2017 Leipzig – Tag 4

Impressionen

Der Montag begann für uns mit einem Abstecher ins Heidnische Dorf. Tags zuvor hatte es ja geregnet und hier war der Boden noch ein wenig schlammig. Aber das machte gar nichts. Zu den Klängen von Skaluna und Andyra, die die große Bühne im Dorf rockten, schlenderten wir zwischen all den Ständen umher und trafen liebe Freunde. Die Musik war genau die richtige Untermalung zur Stimmung und Atmosphäre hier. Wir genossen unsere vor Ort gekauften Speisen in der Sonne und genossen dieses entspannte Flair. Wir schauten einem Schmied bei der Arbeit zu, beobachteten Besucher des Marktes, die sich beim Bogenschießen versuchten und feilschten mit Händler – das war schon toll. – by Scratchcat

Johnny Deathshadow

Doch dann ging es für uns ab ins Täubchenthal. Als dort der Einlass los ging, öffnete der Himmel auch schon wieder seine Schleusen und es regnete kräftig. So suchten wir direkt drinnen Zuflucht und warteten gespannt auf den Opener in der Location. Mit einem langen Intro legten Johnny Deathshadow aus Hamburg los – einzeln kamen sie hierbei hervor. Alle Musiker waren im Gesicht wie ein Totenschädel geschminkt oder trugen eine Maske. Die Gitarristen ECE und Daniel stellten sich auf Podeste am vorderen Bühnenrand und rockten zu „Shadow“ drauf los. Besonders Bassist Daniel ging ordentlich ab. Die Mischung aus Gesang und, ich nenne es mal Text-Herausschreien, bei Sänger Johnny war ganz cool. ECE sang bei „Bleed with me“ im Refrain mit und das war auch nicht ganz schlecht.  Die Band selbst nennt ihren Stil Industrial Gothic Metal – das würde ich so auch unterschreiben, nur passte das Ganze in meinen Augen nicht so recht zum restlichen Horrorpunk, der an diesem Tag im Täubchenthal zelebriert werden sollte. Der Saal war auch noch nicht so voll und Stimmung kam nur sehr langsam auf. „Leipzig – WGT – vielen Dank. Schön, dass ihr es geschafft habt, schon wach zu sein – wir sind Johnny Deathshadow aus Hamburg.“ Soweit die Begrüßung durch den Frontmann. Und schon stimmte er „Black clouds dark hearts“ an. Dabei wurde er von hinten angestrahlt und sah damit noch gefährlicher aus. Die Herren an den Saiten waren gut drauf – standen mal zusammen oder klatschten mit der ersten Reihe ab. Johnny untermalte seine Texte mit Gesten – so fuhr er sich immer wieder mit dem Finger über die Kehle – so wie „Kopf ab“. Im nächsten Moment verschwand er fast hinter der Nebelfontäne, die von unten pustete. Mit einem Dank an die Fotografen, die nach drei Songs ja den Fotograben räumen mussten, ging es dann weiter im Set mit einem Trac „für die Verliebten“ im Saal. „Sleeper“ war recht flott und ein wenig Bewegung kam auf. Na, es wurde ja doch noch etwas mit der guten Stimmung. – by Scratchcat

Wir mussten uns dann aber schon wieder verabschieden, denn schon war wieder ein Locationwechsel angesagt. Den restlichen Tag besuchten wir das Alte Landratsamt im Herzen der Innenstadt von Leipzig. Zuerst ein paar Worte zur Location selbst – an sich ist das Landratsamt ganz schick für Konzerte, aber es gab keinerlei Sitzmöglichkeiten und außer den üblichen Getränken gab es an den Bars keine Verpflegungsmöglichkeiten. So mussten wir die langen Stunden vor Ort etwas darben, was ich nicht so toll fand. Außerdem war es drinnen aufgrund der Wärme an diesem Tag recht schwül und drückend – das strengte ganz schön an und hat für mich die Location schon ganz schön vermiest. Schade! – by Scratchcat

Holygram

Nun aber zu den Konzerten vor Ort. Wir kamen an, da wurde gerade umgebaut und dann betraten Holygram aus Köln die Bühne. Im Hintergrund lief ein Video und der Sänger der Formation stand mit Lederjacke und Schellenring in Händen am Mikrofon. Er sang ganz ruhig und bewegte sich kaum. Der Bass war bei „Hideaway“ anfangs etwas laut und die Gitarristen schauten, wie wir es bei Shoegaze-Bands kennen, immer nur nach unten auf ihre Saiten. Doch dann kam der Frontmann doch aus sich heraus und rockte beim Gitarrensolo mächtig ab. „Wir sind Holygram aus Köln“ verriet er im Anschluss und stellte sich an ein Keyboard, um dort noch einige mehr Sounds zur Musik beizutragen. Zu „Daria“ war das Video im Hintergrund irgendwie wirr – es sah aus, wie eine Bildstörung. Postpunk-Klänge regten die ersten Reihen vor der Bühne an, sich im Takt der Musik zu bewegen – wie es der Sänger schon vor machte. Vom Drummer waren immer nur die Haare zu sehen, der im Rhythmus mitnickte und auf seine Trommeln einhämmerte. Überhaupt waren die Musiker nicht so gut zu erkennen, weil es recht dunkel war insgesamt. Die Gitarrensounds waren zum Teil recht abgefahren, besonders bei den Soli entlockten die Herren ihren Instrumenten Klänge, die wir im ersten Moment nicht erwartet hatten – das war schon nicht schlecht. Der Frontmann war, wenn er nicht gerade tanzte, doch recht in sich gekehrt und suchte wenig Kontakt zu seinem Publikum. Aber das schien den Zuschauern nichts auszumachen, denn er Beifall war trotz alledem anständig. – by Scratchcat

Drab Majesty

Hiernach wurde es irgendwie abgefahren – Drab Majesty aus Los Angeles standen auf dem Plan und das Konzept des Projektes hatte irgendwie etwas extraterrestrisches. Mit einem Video von einem rosa Papierdrachen ging es los. Die beiden Musiker Deb DeMure und Mona D kamen hervor – beide trugen sie eine Sonnenbrille, waren im Gesicht silbern und blau geschminkt und hatten eine Kapuze auf dem Kopf. Deb hatte eine Gitarre dabei und Mona nahm Aufstellung an einem Tisch voller Technik mit Keyboard und mehr. Immer wieder standen so beieinander und spielten ihre Tragic Wave-Sounds. Im Text forderte die Band auf „live with us“ und die Fans im Saal ließen sich das nicht zweimal sagen und tanzten los. Blaue und weiße Strahlen wanderten zwischen den Musikern hin und her und Nebel machte die Szenerie noch freakiger. Mona wippte im Takt mit und blickte ansonsten kaum von der ganzen Technik auf. Ansonsten bewegten sich die beiden kaum vom Fleck weg. Die tiefe Stimme von Deb beeindruckte ziemlich und der Beifall fiel richtig gut aus. Die Songs gingen fast immer ineinander über, so dass ich nicht sagen konnte, wie viele hier dargeboten wurden – kannte ich die Band vorher auch noch gar nicht. Insgesamt waren die Stücke aber recht ruhig und entspannt und die Videos hinten zeigten mal Statuen und mal wilde Muster. Die Lichtstimmung war meist blau oder rot und viel zu zuviel Nebel versteckte die Darbietenden immer wieder. Beim letzten Track des Sets kam noch ein „special guest“ hinzu – Sänger King Dude performte den Abschluss mit dem Duo und der Jubel der Menge war ihnen für diese Kooperation sicher. – by Scratchcat

Klez.e

Als nächstes kam die deutsche Antwort auf The Cure an die Reihe – die Rede ist natürlich von Klez.e aus Berlin. Durch den Nebel traten die Musiker auf die düstere Stage und begannen ihr Werk mit dem Stück „Mauern“. Soviel vom Outfit als auch von der Stimme her dachte ich, ich sehe Robert Smith am Mikrofon vor mir – nur sang Frontmann Tobias eben auf Deutsch. Weiter ging es dann mit „Schwarz“, wobei die Herren von hinten angeleuchtet wurden. Das Lied war recht langsam und passte super zur düsteren Atmosphäre auf der Stage. Die Musiker bewegten sich auch kaum, dafür ihre Zuschauer, die im Takt mitwippten und mit geschlossenen Augen lauschten. Nach „Flamme“ wurde es ein wenig heller im Saal, denn Tobias wurde in einem Lichterstern in Szene gesetzt. Die Grundstimmung war sehr depressiv und dunkel – die Fans feierten aber jedes Stück mit Jubeln. Mehr kann ich zu diesem Gig leider nicht sagen, denn ich musste an die frische Luft – es war zu warm mittlerweile. Ich bekam gerade noch mit, wie sich der Frontmann bedankte: „Vielen Dank – es war fantastisch, hier zu spielen.“ – by Scratchcat

B-Movie

Und dann war es Zeit für den Abschluss des Tages – eine Kultformation stand auf dem Plan. B-Movie aus Großbritanien stand in den Startlöchern und wurde mit Beifall begrüßt. Im Hintergrund war der WGT-Banner auf der Videoleinwand zu sehen. Sänger Steve war gut drauf und startete mit „Feeling gothic“ – wie passend zu diesem Festival. Immer wenn im Text das Wort „uniform“ kam, salutierte er beim Singen. Keyboarder Rick wippte im Takt mit und Gitarrist Paul gab alles. „We’re B-Movie from Nottinghamshire England“, so die Begrüßung durch die Band. Das hauchte der Sänger ins Mikrofon, nur um dann umso lauter „Moles“ anzustimmen. Drummer Graham war seine gute Laune anzusehen. Steve rockte Rick an, während dieser sein Solo gab und gemeinsam hatten sie ihren Spaß. „It’s fantastic to be back again“, war der Kommentar auf den großartigen Applaus. Es folgte ein Track „from 1981“ – gemeint war „Polar opposites“, das mit einem langen Intro begann. Hier wurde auf und vor der Stage getanzt und Steve begeisterte, weil er einzelne Töne im Text lange halten konnte – das gab Szenenapplaus. Paul war immer mal wieder am vorderen Bühnenrand und heizte ein. „Marilyn dreams“ lockte Rick noch ein wenig mehr aus der Reserve und er rockte mächtig mit ab. Die Fans im Saal feierten jede Note ab und sangen auch mit – es hätte nicht besser sein können. – by Scratchcat

Wir hatten aber keine Kraft mehr – wir hatten Hunger und die Luft war mittlerweile zum Schneiden dick im Saal. Also verabschiedeten wir uns und damit war das WGT für uns auch schon wieder vorbei. – by Scratchcat

Typisch am WGT ist, dass wir jeden Tag später beginnen. So auch dieses Mal, denn das Wetter lud nicht gerade zum Stadtbummel oder ähnlichem ein. Also machten wir uns erst am Nachmittag auf zur AGRA, wo wir noch einmal durch die Ständehalle schlenderten, das Treffen-Cafè inklusive Ausstellung besuchten und uns dann in der Konzerthalle zur ersten Band einfanden. – by Pitchfairy

Eisfabrik

Wie auch in den vergangenen Tagen hatte sich schon allerlei Publikum vor der Bühne versammelt, um den letzten Festivaltag zu genießen. Elvis – dieses Mal von S.P.O.C.K.-Frontmann Alexander angekündigt – erklärte den Anwesenden kurz, es könne nun ganz schön kalt werden und schon stürmten Eisfabrik die Bühne. Das Konzept der Band aus Hamburg ist eindeutig – weiß, kühl, elektronisch, futuristisch. Und meiner Meinung nach sehr sehens- und hörenswert! Frontmann Charlie mit dem weißen Bart musste sich gar nicht viel Mühe geben, die Fans zum Mitmachen zu animieren – die kriegten das auch ganz von alleine hin. Die Stimmung stieg von Anfang an und so eröffneten Eisfabrik mit einem soliden, tanzbaren Set den Abend und haben sich, neben der sowieso schon reichlich vorhandenen Fanbase, noch jede Menge neuer Liebhaber ihrer Musik erspielt. Egal, ob es auf der Bühne schneite oder der Yeti Eisbonbons verteilte – hier war jeder Schritt und jeder Effekt durchdacht und kam super beim Publikum an. Der Hinweis auf die Tour im kommenden Winter wurde laut bejubelt, Charlie und seine Mitmusiker grinsten von einem Ohr zum anderen und alle in der Halle hatten so richtig ihren Spaß. Die reichliche Stunde Spielzeit gab der Band auch genügend Raum, um ihr Können zu zeigen. Wie auch bereits am Samstag machten auch hier die Tontechniker einen sehr guten Job, was uns bewies, dass es in der AGRA sehr wohl möglich ist, gute Akustikverhältnisse zu schaffen. Wir danken Eisfabrik an dieser Stelle für die gelungene Tanzparty, gut gemacht! – by Pitchfairy

Psyclon Nine

Nach einem kurzen Luftholen ging es erneut in die Halle, wo gerade Psyclon Nine aus den USA anmoderiert wurden. Es ging krachig los – ein kreischender Sänger – oder ist es eine Sängerin? – kam hervor und shoutete sich die Seele aus dem Leib. Die Bässe der Dark Industrial-Formation ließen die Halle beben und das viele Strobo tat in den Augen weh. Die Band verschwand teilweise fast vollständig im Nebel, es war laut und wir flüchteten nach draußen. Das war uns eindeutig too much! Später erfuhren wir noch, dass die Band ihren Auftritt nach einer knappen Stunde abbrechen musste, weil eine Monitorbox in den Fotograben gekippt war. – by Pitchfairy

Funker Vogt

Also verlängerter Umbau und wir suchten uns derweil etwas zu essen. Pünktlich zum nächsten Gig waren wir aber wieder da und warteten nun gespannt auf den Auftritt von Funker Vogt, die mit Chris L. (Agonoize) einen neuen Sänger vorstellten. Das Konzert begann mit viel Lärm und einem kurzen Schauspiel, was jedoch nur diejenigen richtig sehen können, die genau vor der Bühne standen. Von meinem Standpunkt aus sah ich noch, wie ein elektrischer Stuhl wieder nach draußen getragen wurde und war verwirrt. Musikalisch folgte ein interessantes Mash-Up aus Funker Vogt meets Agonoize, weil die markante Stimme von Chris nun mal die Szenerie beherrschte. Klar, der Sänger machte seine Sache richtig gut und gab den Tracks der Band eine neue Nuance. Bei den neuen Titeln mag das auch durchaus klappen, die fand ich nämlich ganz gut – aber alles in allem war mir der ganze Gig zu viel des Guten – auch tontechnisch. Wenn ich draußen vor der Halle noch den Bass in der Bauchgegend spüre, ist es meiner Meinung nach zu laut, was ich wirklich schade fand. Die Fans der Formation jedoch feierten ihre Helden ungebrochen und aus dem Agonoize-Lager dürften noch jede Menge neue Fans hinzugekommen sein. Von draußen jedenfalls klang das Konzert besser als in der Halle. – by Pitchfairy

Suicide Commando

Auf uns wartet nun die letzte Band des Treffens und die volle AGRA-Halle sprach für die Formation aus Belgien. Johan van Roy und sein Suicide Commando enterten die Bühne und fetzten noch mal richtig los. Die Halle tobte, das Publikum johlte, tanzte und feierte, was das Zeug hält. Einzig der Psyclon Nine-Sänger zu Beginn des Gigs störte das Bild ein wenig – den hätte es an dieser Stelle nicht gebraucht. Aber die Belgier lieferten auch hier solide ab. Greatest Hits meets neueres Material, die Fans tobten und schrieen, Johan grinste schelmisch von der Bühne herunter und verausgabte sich bis zum letzten Ton. Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon auf dem Heimweg – vier Tage Festival forderten ihren Tribut und wir fielen mit platt getanzten Füßen, aber glücklich und voll mit Eindrücken in unsere Betten. – by Pitchfairy

Fazit:

Wie in jedem Jahr, war es großartig in Leipzig. Wir haben so ziemlich alles gesehen, was wir uns vorgenommen hatten und die Ferienwohnung in Zentrumsnähe hat auch gerockt. Das Heidnische Dorf war am Sonntag erwartungsgemäß ab dem späteren Nachmittag extremst voll, aber das gehört irgendwie dazu. Die Absprache, mit der Parkvignette am Kohlrabizirkus parken zu dürfen, fanden wir super. Da geht ein Extra-Sternchen an die WGT-Orga – gern nächstes Jahr wieder! Ein weiteres Extra-Sternchen geht an die Security, die stets freundlich und entspannt handelte, aber trotzdem alles im Griff hatte. Schön fanden wir auch die Händlerauswahl in der Verkaufshalle, wo es in diesem jahr viele kleine, aber feine Handwerkerstände zu sehen gab. Bitte auch hier mehr davon!
Alles in allem ein gelungenes Treffen in einer freundlichen, weltoffenen Stadt, zu dem wir auch 2018 gern wiederkommen! Und ihr so? – by Pitchfairy

Dieses Mal hatte das Festival wieder einmal alles zu bieten, was der Wettergott in petto hatte – kühle und nasse Nächte, Sonne, die uns beinahe verbrannte, Schlamm im Heidnischen Dorf und auf dem Zeltplatz, staubige und stickige Luft in den Hallen und mehr. Doch alles hielten wir aus und hatten unseren Spaß. Die Konzerte waren durchweg gut, hin und wieder war der Sound zu laut, aber es gab kaum Verzögerungen durch technische Probleme und das ist bei einer so großen Veranstaltung schon super. Die Securities waren überall recht freundlich und korrekt. Die Gastro-Angebote waren abwechslungsreich und in Ordnung, wo sie denn vorhanden waren. Einzig die Belüftung in den Konzertlocations ließ immer mal zu wünschen übrig bei den heißen Temperaturen. Das Rahmenprogramm war wieder einmal so umfassend, dass wir uns kaum entscheiden konnten – es war aber für jeden Geschmack etwas dabei. Uns hat es wie immer viel Freude gemacht und wir kommen auch gern 2018 wieder, wenn es zu Pfingsten heißt – das Wave-Gotik-Treffen ruft alle schwarzen Seelen nach Leipzig! – by Scratchcat

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Autor: Pitchfairy & Scratchcat

Photos: Michi, Pyro & Scratchcat

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