28. WGT: 07.-10.06.2019 Leipzig – Tag 3

Impressionen

Der dritte Festivaltag begann für uns gegen Mittag mit Sightseeing, denn wir hatten uns schon lange vorgenommen, einmal das Völkerschlachtdenkmal zu besuchen. Praktischerweise hatte sich ein Teil des Teams dort auch gleich mit zwei schwedischen Bands zu einem Shooting verabredet und während die einen arbeiteten, ließen sich die anderen von dem Bauwerk beeindrucken. Um noch ein wenig Zeit „totzuschlagen“, besuchten wir danach noch die Moritzbastei, wo wir im Getümmel einen Teil der Musiker von Tanzwut entdeckten. Die machten dort nämlich Straßenmusik und erfreuten so auch die Besucher des Leipziger Stadtfestes. – by Pitchfairy

M.I.N.E

Für uns hieß es dann per Straßenbahn „Auf ins Westbad!“, denn diese Location hatten wir uns für den Sonntag ausgesucht. Im letzten Jahr hatten wir nicht die Möglichkeit, dort einmal vorbeizuschauen, also war dieser Veranstaltungsort für uns neu. Befremdlich fand ich persönlich, dass es zuerst zwei Etagen nach oben ging, bevor wir im eigentlichen Saal ankamen. Obwohl es noch nicht so voll war, stand die Luft in dem Raum und es machte sich ein leicht beklemmendes Gefühl breit. Den Anfang machten an diesem Abend M.I.N.E. – die neue musikalische Heimat des Frontmannes von Camouflage. Synthpop stand also auf dem Programm und so legten Marcus, Volker und Jochen mit schmeichelnden Beats und flächigen Sounds vor. Entgegen meiner Erwartung war das Set eher ruhig und nur selten schweißtreibend. Marcus sang oft mit geschlossenen Augen und legte ganz viel Gefühl in seine Stimme, was den Anwesenden sehr gefiel. Nach jedem Titel brandete Beifall durch den Saal und so zog die Band das Publikum in ihren Bann. Natürlich durften Hits wie „The Great Commandment“ und „Suspicious Love“, das auch in einer besonderen Akustikversion,  nicht fehlen, wofür es von den Fans noch Extraapplaus gab. Alles in allem ein solider Auftritt, der meiner Meinung nach ein paar schnellere Tracks vermissen ließ. Nichtsdestotrotz hat mir das Konzert gut gefallen, so ging es halt ruhiger in den Abend. – by Pitchfairy

Empathy Test

Weiter ging es nach einer kurzen Umbaupause mit Empathy Test aus Großbritannien. Die Band hatten wir bereits im März als Support von Covenant in Jena gesehen und ähnlich entspannt sollte auch dieser Gig werden. Das Trio um Frontmann Isaac Howlett vermittelt optisch für mich immer so ein bisschen den Eindruck einer Schülerband, musikalisch aber spielen die Briten in der oberen Synthpop-Liga mit. Los ging es mit „Holy Rivers“, was das Publikum direkt in Entzücken versetzte. Der Sänger stand die meiste Zeit am vorderen Bühnenrand und präsentierte die Lieder mit viel Gefühl und Schmelz in der Stimme. Die Fans sangen selig grinsend mit und spendeten reichlich Applaus. Es waren viel tanzende Menschen zu sehen, die sich von der Musik treiben ließen. Es wurde auch zusehends wärmer und leider auch stickiger im Saal, was nicht gerade zum Wohlbefinden beitrug. Aber die Band ließ sich davon nicht beirren und lieferte ein professionelles, tanzbares Set ab. Danke dafür! – by Pitchfairy

Priest

Den dritten Auftritt des Abends absolvierten Priest aus Schweden. Das Trio, dem gerade kurz vor dem Festival ein Sängerwechsel ins Haus stand, betrat fast schon dramatisch die Bühne. Alle drei Musiker steckten in Lederoutfits inklusive Vollmasken. Respekt an dieser Stelle, denn mittlerweile waren die Temperaturen im Westbad schon fast nicht mehr erträglich. Die beiden Tastenmusiker bezogen an ihren Instrumenten Stellung und dort verblieben sie auch, fast regungslos das komplette Set lang. Der Sänger mit der Stachelmaske wirbelte am vorderen Bühnenrand hin und her und animierte das Publikum immer wieder zum Mitmachen. Musikalisch war das nun so gar nicht mein Ding, vielleicht habe ich auch das Bandkonzept nicht verstanden, aber im Gegensatz zur Fanbase konnte ich Priest nicht wirklich etwas abgewinnen. Das lag sicherlich zum Teil auch an der vernebelten und stickigen Luft im Westbad, wo leider auch ein Schritt vor die Tür nicht möglich war. Zum einen waren alle Stufen nach unten von Gästen besetzt, die wohl auf den Headliner warteten. Am Ausgang wurde uns außerdem gesagt, dass wir nach Verlassen des Gebäudes nicht einfach so wieder hineingehen konnten, sondern uns wieder an der (mittlerweile bis zur nächsten Straßenecke stehenden) Schlange anstellen müssten. Also stiegen wir wieder in den zweiten Stock und verzogen uns in den Bereich des Hauses, in dem ein Imbiss möglich war. – by Pitchfairy

Sono

Leicht genervt warteten wir also auf SONO, die ja immer ein Tanzflächenfüller sind. Die Hamburger hatten auch richtig Lust zum Spielen und so erfüllten schnell tanzbare Beats das Westbad. Bereits bei den ersten Tönen waren überall tanzende Menschen zu sehen, die sich voll und ganz der Musik hingaben – ich hab es ihnen gleich getan! Dieses Konzert wurde auch gleich zu einem meiner Festivalhighlights, denn Sänger Lennart Salomon vergab sich selbst und den Fans nichts. Er tänzelte zur eigenen Musik über die Bühne und seine Mitmusiker rockten an den Tasten und Knöpfen – da hatte wirklich jeder im Saal Spaß dran! Besonderen Beifall bekam SONO für ihren Titel „Somewhere Beyond The Sea“, den Lennart mit ein paar Worten zum Thema Seenotrettung und Sea-Watch einleitete. Alle Einnahmen der Single gehen nämlich genau an diese Organisation, was nochmal zu Szenenapplaus führte. Auch die neue Single „Top Of The World“ wurde vorgestellt und entsprechend beklatscht. Danke SONO für die vielen Tanzorphine, die ihr ausgeschüttet habt, auch wenn wir kurz vor Ende des Sets die Location ver- und den Headliner wegließen. Das war uns am Ende des Tages doch zu viel Beklemmung und schlechte Luft – die Klimaanlage hat es einfach nicht geschafft und das Westbad hat uns als „Kohlrabizirkus-Ersatz“ nicht überzeugt. – by Pitchfairy

Am dritten Festivaltag machten wir zuerst einmal einen Bummel mit Freunden durch die Innenstadt Leipzigs. Ein kurzer Spaziergang führte auch an der Moritzbastei vorbei, wo wir den kleinen mittelalterlichen Markt in Augenschein nahmen. Da außerdem Stadtfest war, war viel los auf den Straßen, doch das machte gar nichts. Die bunte Mischung aus „schwarzem Volk“ und „Normalos“ machte gute Laune, denn niemand störte sich aneinander. Dieses friedliche Miteinander sollte ein Vorbild für die gesamte Gesellschaft sein. Nach einem leckeren veganen Eis ging es dann aber wieder an die Arbeit. – by Scratchcat

Zweite Jugend

Wieder war das Haus Leipzig unser Ziel. Den Anfang machte für uns das Duo Zweite Jugend aus Osnabrück. Nach einem klassischen Intro betraten Sänger Eli und Drummer Marcel die Stage und legten mit „Flucht von der Erde“ los. Neben dem Gesang entlockte Eli einigen technischen Aufbauten auch den einen oder anderen spannenden elektronischen Sound – ziemlich cool. In den ersten Reihen wurden die Textzeilen mitgebrüllt, was die Herren auf der Stage sichtlich freute. Zu „Kriegergen“ kam immer mehr Bewegung an. Die Sounds und der Rhythmus erinnerten mich sehr an Bands wie DAF. Marcel hatte Spaß hinter seinen Drums und grinste mit den Zuschauern um die Wette. Auch der Frontmann hatte gute Laune und warf die eine oder andere Kusshand in die Menge. Zu „Euroträume“ sang der Drummer sogar auch mit, was das Soundspektrum noch einmal vergrößerte. „Wir spielen auch paar Liebeslieder“, so die Ankündigung von Eli, der „Liebe ist Luxus“ anstimmte. Es wurde viel getanzt und die Stimmung nahm immer mehr Fahrt auf. Mit ausgebreiteten Armen genoss der Sänger diese Atmosphäre und ging gleich über zu „Die ganze Nacht“. Hier artete die Tanzerei in den ersten Reihen in Pogo aus – es wurde wild. Marcel gab dazu freudig den Takt an. Wieder wurden diverse Textpassagen von den Fans mitgesungen oder eher mitgebrüllt, denn auch Eli schrie die Zeilen nur so heraus. Es war ein gelungener Auftritt und nicht wenige neue Fans besuchten die Jungs später am Merchandise-Stand, um ihre Garderobe aufzustocken. – by Scratchcat

Parade Ground

Als nächstes waren die Brüder von Parade Ground aus Belgien an der Reihe für Stimmung zu sorgen. Pierre sprang von Anfang an herum und verausgabte sich, während Sänger Jean-Marc im Anzug daherkam und seine ganze Kraft in seinen Gesang legte. Pierre wurde von unten angestrahlt, schlug sich immer wieder auf die Brust und heizte so ein. Der Sänger ging auch schon mal auf die Knie und sang mit absoluter Hingabe. Die Fans ließen sich direkt von der Energie des Duos anstecken und tanzten drauf los. Auf den beiden war die ganze Zeit über ein Video eingespielt, so dass sie ab und an flackernd wirkten. „How do you feeling“, so die kurze Frage ans Publikum, die mit viel Jubel beantwortet wurde. Pierre verbarg sein Gesicht hin und wieder hinter seinen Händen, wie bei einem Stück, wo Bilder von Geld oder Krieg in dem eingespielten Video zu sehen waren – als ob er davor die Augen verschließen wolle. Der Sound war gut und wechselte von aggressiv elektronisch zu wavig und weiter zu klassischem EBM. Das war eine gute Mischung, die gut gefiel. – by Scratchcat

The Cassandra Complex

Mit Post-Punk aus Großbritannien ging es weiter, denn nun kamen The Cassandra Complex nach vorn. Frontmann Rodney schien gut gelaunt, als er so in dem lila Lichtspot dastand und mit geschlossenen Augen „The Invisibles“ anstimmte. Die Fans gingen direkt ab und wippten im Takt mit. „We are The Cassandra Complex and we are very happy to be here.“ Weiter ging es dann mit „What can I do for you“. Die LED-Wände hinter den Musikern zeigten das Bandlogo und mehr. Die Gitarristen Andy und Volker rockten ordentlich ab, während Keyboarder Axel tanzte. Rodney untermalte seine Texte mit ausdruckstarker Gestik und Mimik oder aber er lächelte einfach. Im Set hatten sie unter anderem ein Stück dabei, zu dem sie durch das Buch „Blade Runner“ inspiriert wurden. Hier sang Axel auch mit – durch einen Stimmverzerrer verfremdet. Zu „Why“ waren auf der LED-Wand Kriegsbilder zu sehen, was den Text sehr anschaulich machte. Hierbei verausgabte sich der Sänger so sehr, dass er am Ende die Zeilen nur so rausschrie. „Bad faith“ kam dann schon fast elektronisch daher und in der Menge wurde ausgelassen getanzt. Der mehrstimmige Gesang von „Datakill“ wurde bejubelt und Rodney kam kurz in den Bühnengraben, um ganz nah an der ersten Reihe sein zu können. So ging es noch eine ganze Weile weiter, aber wir mussten etwas frische Luft schnappen, denn es war warm im Saal. – by Scratchcat

Wir wechselten dann noch ins Haus Leipzig, um uns mit dem zweiten Teil des UnArt-Teams zu treffen und mit Cat Rapes Dog deren Comeback zu feiern, bevor wir ins Bett fielen. – by Pitchfairy

Cat Rapes Dog

Als Highlight des Tages gab es zu guter Letzt noch Cat Rapes Dog auf Augen und Ohren. Bevor die vier die Bühne stürmten, waren während des Intros auf einer Leinwand alte Bandfotos zu sehen, die nicht wenige Fans zum Lachen brachten. Doch dann kamen Annelie, John, Jonas und Magnus hervor. „Hallo Leipzig – wie geht´s? It’s good tob e back.“, so die begrüßenden Worte der Formation. „Country Gods“ erklang und schon kam Bewegung unter den Fans auf. Frontmann John rockte gut ab. Der mehrstimmige Gesang tat sein Übriges zur guten Laune im Saal. Es war brechend voll, denn alle wollten sie den ersten Gig der Band seit 20 Jahren miterleben. Es wurde mitgeklatscht und auch mitgesungen. Annelie grinste, wie auch ihre Kollegen – sie genossen es sichtlich, wieder einmal gemeinsam auf einer Bühne zu stehen. „Trojan whores“ erklang und die Menge explodierte schier. Der Refrain wurde lauthals mitgebrüllt. John klatschte mit einigen Zuschauern in der ersten Reihe ab. „It’s been a long time – too long. It’s been 20 years we played live last time.“ Die Menge tobte, denn die Wartezeit war nun zu Ende und es gab wieder Live-Action aus Schweden. So wurde „Eating people is fun“ abgefeiert, wie auch „American dream“, wo ein Video auf den Leinwänden eingespielt wurde. Auch Magnus und Jonas verausgabten sich und wechselten regelmäßig den Standort auf der Stage. Die Lichtshow war auch nicht zu verachten und Jonas raue Stimme kam super rüber. Bei „A friend of mine“ sangen sich John und Annelie gegenseitig an, nachdem sie an den Instrumenten ihr Können gezeigt hatten. „Sweat some more please“, so die Aufforderung an das Partyvolk und die ließen sich das nicht zweimal sagen. Immer mehr wurden die Textzeilen der Klassiker mitgebrüllt und ein Fan ließ sich sogar auf den Händen bis in die erste Reihe tragen. Das Comeback war mehr als gelungen und als letztes Stück in der Zugabe auch noch „Moosehair underwear“ angestimmt wurde, war auch der letzte Fan im Saal selig. Es hätte nicht besser laufen können und wir hoffen, dass wir nicht wieder 20 Jahre auf den nächsten Gig warten müssen. – by Scratchcat

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Autor: Pitchfairy & Scratchcat

Photos: Chrounos & Pyro

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