Interview mit Amandara M. Schulzke – „Wir sind die Bunten“

UnArt: Zu allererst – stell dich doch bitte mal kurz in 3-5 Sätzen vor. Wie war denn so dein Werdegang in Sachen Bücher?

Amandara: Das begann natürlich mit dem Lesen von allem Möglichen, was mir vor die Augen kam. Bücher und die Geschichten in ihnen waren mein Trost und meine Rettung als Kind. Mit 16, 17 habe ich allen erklärt, dass ich, wenn ich einmal groß bin, Liebesromane schreiben werde. Stattdessen wurde ich Wissenschaftsjournalistin und habe hauptsächlich Beiträge geschrieben, die die Welt ein kleines Stückchen besser machen sollten. Ich wurde u.a. Pressesprecherin von Umweltschutzverbänden. Wegen ungesunder Klüngelei kehrte ich den Verbänden den Rücken und wurde Marketenderin, zuerst auf Ökomärkten, 1995 auf Mittelalterfesten. Dem Schreiben und Veröffentlichen blieb ich trotzdem treu. Vor vielen Jahren lernte ich die damalige Chefredakteurin der Phantastik-Couch kennen und begann, Rezensionen zu schreiben. Heute schreibe ich für den Blog www.phantastisch-lesen.com und selten als Gast für die Histo-Couch oder die Booknerds.

UnArt: Viele kennen dich als Händlerin auf Festivals, Märkten oder auch LARP-Events. Was fasziniert dich persönlich daran?

Amandara: Die Kollegen und die Gäste haben meist gute Laune, ich liebe Partystimmung. Reenactment und LARP zählen für mich zu den kreativsten Hobbys überhaupt. Du kannst in eine Rolle schlüpfen, Du kannst musizieren oder Balladen vortragen, Du kannst Dinge bauen, Dich stuntmenmäßig prügeln. Mein Leben war seit dem Einstieg ins Mittelalter eins: kein Hobby, keine Arbeit. So kam ich immer an die frische Luft. Ein Teil meines Freundeskreises kommt aus der Rollenspiel- und MA-Szene. Leider konnte ich 25 Jahre persönliches Mittelalter wegen Corona nicht feiern. Das hole ich im Kulturbiergarten des Festival-Mediaval nach.

UnArt: Wie entstand die Zusammenarbeit mit dem FM und wer hatte die Idee für das Literaturzelt?

Amandara: Ein Literaturzelt stand von Anfang an im Konzept des Mediaval. Das erzählte mir Bläcky 2016 zu Feierabend in Brüssel auf dem Mittelalterfest.
Aus dem Nachwort: Kennt Ihr das Gefühl, dass jemand einen Satz zu Euch sagt und explosionsartig schlägt Euer Herz schneller, Ihr müsst tief Luft holen und in Euren Augen blitzt es wie ein Feuerwerk? Euch beherrscht nur ein Gedanke: Das will ich! Unbedingt!
2016 Pfingsten in Brüssel: Bläcky erzählte mir zu Feierabend, dass auf der Theaterbühne eine Autorin aus ihrem Buch lesen wird und von Anfang an im Plan des Festival-Mediaval stand, ein Literaturzelt zu integrieren. Ich platzte sofort heraus: »Das würde ich gerne organisieren.« »Wie kommst Du dazu?« Von zuhause schickte ich ihm meinen Lebenslauf und er sah, dass ich nicht nur die begeisterte Marketenderin bin, sondern ebenso eine Schriftgelehrte und Veranstalterin. So kam es, wie es schicksalhaft kommen musste. 2017 organisierte ich das erste Literaturzelt auf dem Goldberg in Selb.

UnArt: Nun kommt zum diesjährigen Festival-Mediaval-Kulturbiergarten und in Zusammenarbeit mit dem acabus Verlag die Anthologie „Wir sind die Bunten“ auf den Markt. Worum geht’s in den Geschichten und wie habt ihr entschieden, welche Geschichten in die FM-Anthologie kommen?

Amandara: 25 Geschichten kurz zu skizzieren, sprengt sicher hier den Rahmen. In allen Geschichten kommt das Einmalige des Festivals heraus, das wegweisend für alle Mittelalterfeste, Musikfestivals und LARPs steht. Wir haben z.B. die Story von Helmut Gotschy, der einen Gast über das FM schickt, der alles nur scheiße findet – sie ist eine der größten Liebeserklärungen an das Festival. Mehrere Geschichten haben sich „Heilung“ als großes Thema vorgenommen. Ob ein Flüchtling das erste Mal auf dem FM wieder glücklich ist, eine Frau von einer schweren Krankheit genest, eine Zwillingsschwester den Tod ihres Pendants endlich verkraftet, ein Mann die Trennung von seiner Liebsten oder die Götter darüber diskutieren, ob die Menschen ein neues Narrativ brauchen. Mehrere Storys sind dabei, bei denen ich vor lauter Verzückung nur ungläubig den Kopf geschüttelt habe. Von der Vielfalt der Ideen und ihrer Umsetzung war ich selbst überrascht.
Ich habe alle Geschichten genommen – bei versierten Schreibern war das einfach, bei anderen gab es eben ein ausführlicheres Lektorat. Besonders freute ich mich über eine Besucherin, die noch nie eine Geschichte geschrieben hatte. Ich gab ihr ein paar Literaturhinweise und nannte ihr Webseiten mit Schreibtipps. Über das positive Ergebnis war ich bass erstaunt.

UnArt: Mit der FM-Anthologie hast du deine erste belletristische Veröffentlichung – vorher warst du „nur“ journalistisch unterwegs. Bist du denn auf den Geschmack gekommen und wird es in Zukunft mehr von dir als Herausgeberin geben?

Amandara: Tatsächlich ist das nächste Projekt schon genehmigt und in der Planung. Wir wollen eine Anthologie zum Thema „Met bringt die Magie (wieder) in die Welt“ herausbringen, dann in dem relativ neuen Imprint Lindwurmverlag der Bedey Media GmbH, zu dem auch der acabus Verlag gehört. Außerdem schreibe ich drei Kurzgeschichten für andere Anthologien. An dieser Stelle verrate ich, dass ich Sciencefiction-süchtig bin.

UnArt: In deinem Shop in Berlin finden auch Lesungen und Konzerte statt – hast du schon einen Ausblick für unsere Leser auf eventuelle kommende Veranstaltungen?

Amandara: Normalerweise finden die Veranstaltungen in der Kulturbremse statt, das ist ein kleines Theater gegenüber von meinem Shop. Das funktioniert wegen Corona nicht. Deshalb wollen wir am 28. & 29. August auf meinen großen Hinterhof ziehen. Am 28.08. stellt Luci van Org ihren Roman „Vagina Dentata“ erstmalig in Berlin vor. Am 29.08. geht es mit „Der Schnee von morgen“ um Climate Fiction, die besten Stories von einer Ausschreibung der Phantastik-Seite Tor Online. Das Tolle ist, dass Andrea Bannert, Journalistin, Autorin, Musikerin (Tibetréa) mit ihrer Musikerfreundin kommt. Sie untermalen die Lesungen mit Klangskulpturen im Komplott mit Bernhard Kempen, bekannt als einer der wichtigsten Übersetzer hochwertiger Sciencefiction-Romane, selbst Autor, Musiker und Kabarettist. Andrea hat übrigens als eine von zwei Musikern bei „Wir sind die Bunten“ mitgeschrieben. Im Januar greifen uns die Killerkekse an – mit dem Erfinder des Selfpublishing und Autor Wilhelm Ruprecht Frieling und Goethe geht auf Reisen mit dem Orchester Rudolph von Schmitt-Winterfeld. Ein Teil der Musiker verdient sein Geld auf Mittelalterfesten. Crossover. Wenn die Lage es zulässt, sind im November weitere Lesungen geplant.

UnArt: Berühmte letzte Worte?

Amandara: Wir müssen stärker werden, ohne je unsere Zärtlichkeit zu verlieren. (Che Guevara)
Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft meistern! Amandara