Leipziger Buchmesse 2018: 15.-17.03.2018 Messe Leipzig – Tag 1

Bücherwürmer, Leseratten, Bibliophile und viele mehr – sie alle trafen sich auch in diesem Jahr auf der Leipziger Buchmesse (LBM) und der Manga Comic Convention (MCC) auf der Neuen Messe in Leipzig. Und selbstverständlich war auch ich wieder für euch mittendrin im Getümmel. Vom 15.-17.03.2018 habe ich mir Lesungen, die Stände der Verlage, Präsentationen, Vorträge und Competitions angeschaut und bin voll und ganz in der Welt der Bücher versunken – es war wahnsinnig toll.

Anja Bagus

Als am ersten Messetag endlich der Gong zum großen Einlass ertönte, war der Jubel der wartenden Menge groß – und direkt wurden die einzelnen Messehalle gestürmt. Ich jedoch begann das Ganze eher entspannt. Nachdem ich durch drei Halle geschlendert war, holte ich mir erst einmal ein Visum für meine Zeitreise beim Amt für Aetherangelegenheiten ab, das sich am Stand des Verlages Edition Roter Drache niedergelassen hatte. Dort konnte ich auch schon direkt meine ersten Bucheinkäufe tätigen, die, aufgrund anwesender Autoren, auch gleich signiert wurden. Es war schon recht voll überall und nach einigen Gesprächen pilgerte ich zur ersten Lesung, die ich mir aus dem reichhaltigen Angebot rausgepickt hatte.

Patricia Holland Moritz und Frank Schäfer

Im Forum Die Unabhängigen waren die Autorin Patricia Holland Moritz und der Kultfriseur Frank Schäfer zu Gast, um Franks Biographie „Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein“ vorzustellen. Mit den Worten „Wir wollen jetzt anfangen“ ging es dann auch los. Frank erzählte, dass sich sein Vater, der berühmte DDR-Schauspieler Gerd E. Schäfer, den Werdegang seinen Sohnes anders vorgestellt hatte. Er aber fand den chemischen Geruch im Friseursalon immer so toll und die Leute quatschten dort den ganzen Tag lang nur – genau das wollte er auch machen. Als Friseur hat er immer die Devise: „Man darf ’ner Frau nich ansehn, dass sie gerade vom Friseur kommt.“ Viel mehr strebt er an, dass eine Frau nach einem Besuch in seinem Salon toll aussieht. Patricia hatte nach den Erzählungen von Frank das Buch verfasst und sie las auch daraus vor, denn – so Frank – „Bei mir ist’s ein Horror.“ Wir lauschten einer Szene, in der Frank davon berichtete, wie er eine Zeit lang krasser Gogo-Tänzer für Punkbands in der DDR war – zusammen mit Sven Marquardt. „Unsere Aufgabe war Randale“. Dann wechselte Patricia zu einer Stelle im Buch, die davon berichtete, dass Frank, auf Wunsch seines Vaters, Pantomime werden und er zu einem Casting gehen sollte. Doch stattdessen ging der 13-jährige lieber zur „Nuttenbrosche“, dem Brunnen am Alexanderplatz in Berlin. Dort sprach er schließlich einen Mann auf einer Parkbank an, ging mit diesem nach Hause und „hat mit einem Mann geschlafen“. Dieses Erlebnis beichtete er kurze Zeit später auch seinen Eltern, weil er sauer auf sie war, doch diese waren zum Glück nicht sonderlich besorgt wegen seines Schwulseins, eher wegen der Tatsache, dass ein erwachsener Mann mit ihm zusammen war. Zwischen den Lesepassagen erzählten die Autorin und der Paradiesvogel aus seinem Leben. So etwa, dass er auch von der Stasi beäugt und angefragt wurde, ob er nicht spionieren würde für sie. Dort stellte er sich aber absichtlich doof und wurde so vom Verein „Horch und Guck“ in Ruhe gelassen. Oder aber es wurde von seinen Erlebnissen bei großen Frisörwettbewerben berichtet, wo er mit einem seiner Models für einen Skandal gesorgt hatte – von ihm aus Geldmangel so gestaltet, von der politischen Riege des Landes als Provokation verstanden, denn die Dame hatte Vögel in Käfigen in den Händen oder aber sie trug eine Zwangsjacke – das ging gar nicht. Ob der kurzen Zeit, die die beiden für die Buchpräsentation hatten, ging es „im Schweinsgalopp durchs Buch“, aber abschließend wurde noch der Titel erklärt. Wenn er schon nicht auf der Welt sei, „um glücklich zu sein“, wofür denn dann? „Um zu leben!“ Ein schönes Schlusswort und es gab viel Applaus. Da ich persönlich ja Biographien ganz gern mal lese, bin ich auf jeden Fall sehr neugierig auf den Rest des Werkes geworden.

Von der Wissenschaft in die Küche mit Christian Henze

Hiernach ging es zu einer Kochshow mit Interview, die am Forum Unibund statt fand. Dort präsentierte Moderator Tobias Höhn den Fernsehkoch Christian Henze, der für das Publikum gleich mehrere Gerichte live zubereitet – „Von der Wissenschaft in die Küche“. Parallel dazu betrachteten der Moderator und Prof. Stefan Lorkowski die einzelnen Zutaten aus wissenschaftlicher Sicht – so erfuhren wir vieles zu ihrem Nährwert, was gesund ist und was eher nicht so, wie verschiedene Dinge zubereitet werden sollten, damit sie noch gesünder sind und mehr. Ich habe hier echt was gelernt. Christian Henze meinte: „Ernähren hat mit mitmachen zu tun.“ Als erstes bereitete er für uns ein „Müsli fürs Frühstück“ zu. Dazu röstete er Nüsse und Haferflocken in der Pfanne an, verfeinerte das Ganze mit etwas Honig und Öl. Währenddessen breitete sich ein leckerer Geruch aus – ich bekam Hunger. Das Ergebnis gab Henze auf etwas Joghurt – zusammen mit Granatapfelkernen und noch etwas mehr Honig. Eine Dame aus der Zuschauerschar durfte sich im Anschluss daran gütlich tun. Zwischendrin erfuhren wir, dass eigentlich alles gegessen werden könne, aber eben in Maßen, denn „die Menge macht das Gift“. Und es wurde die Frage geklärt, ob ein Gericht ohne Fett gut sei – „Nein!“. Es ginge darum, gesund und bewusst zu essen und, so der Koch: „Wenn man Genuss erlebt, hat man schon viel gewonnen.“ Nach dem Frühstück ging es mit einem Couscous-Salat mit Fisch weiter. Prof. Lorkowski erklärte noch schnell, dass das zeitige Frühstück je nach Lebenswandel wichtig sei – so etwa für Schüler, die die Energie für die Kopfarbeit bräuchten oder Menschen, die körperlich schwer arbeiten mussten. Ansonsten sei auch ein spätes Frühstück in Ordnung. Und außerdem berichtete er von dem Trend dahin, dass wieder weniger Mahlzeiten am Tage empfohlen würden, weil sonst eventuell zuviel gegessen würde. Auf die Frage, was denn in jede Küche gehöre, meinte der Küchenchef „ein Christian Henze-Kochbuch“, was für Lacher sorgte. Und weil es gerade so gut passte, verloste er ein Exemplar seines neusten Kochbuches. Hiernach wurde das nächste Gericht – Pasta mit Rindfleisch – in Angriff genommen, doch weil mir der Magen knurrte, suchte ich das Weite und gesellte mich zur nächsten Lesung.

Lothar Tiedtke

Ich wuselte also zum Forum Literatur + Hörbuch, wo Lothar Tiedtke das Buch „Mundtot? Stasi-Opfer der DDR – Haftpsychiatrie klagt an“ vorstellte. Moderiert wurde das Ganze von Olaf Junge. Die Lesung hatte schon begonnen und Lothar berichtete gerade davon, wie er als Kind unbedingt auf die KJS (Kinder- und Jugend-Sportschule) wollte. Er habe auch alle Prüfungen gut absolviert, wurde trotz allem aber abgelehnt – weil er West-Verwandtschaft hatte. So waren seine Verwandten öfter zu Besuch bei der Familie jenseits der Grenze und erzählten daheim dann ausführlich von „drüben“. Seine Lehrerin fürs Staatsbürgerkunde fand das gar nicht gut, da auch er immer von all diesen Berichten in der Schule erzählte. Und so wurde der Autor bereits als Schüler bespitzelt – auch von Mitschülern, wie er später erfuhr. Leider war seinem Vorlesestil etwas schwierig zu folgen. Als er aber mit dem Vorlesen durch war, konnten die Zuschauer Fragen an ihn stellen. So wollte ein Mann wissen, ob es denn einen Unterschied zwischen den DDR-Haftpsychiatrie und der des geeinigten Deutschlands gab, denn Tiedtke hatte beide System miterleben müssen. Seiner Meinung nach aber war die DDR-Version wesentlich schlimmer – zumindest für ihn. Dann wurde gefragt, was eigentlich der Grund für seine Einweisung in die Psychiatrie gewesen sei. Und so verriet er, dass er mehrfach einen Ausreiseantrag gestellt hatte und nach der zweiten Ablehnung hatte er sich öffentlich abfällig über die Reisefreiheit der DDR geäußert. Es wurde dann abgewogen, ob er in Haft kommen solle oder ob eben die Psychiatrie die bessere Wahl für ihn sei – wie es ja dann auch kam. Auf diese Art sei er eben „mundtot“ gemacht worden.

Dominik Steiner

Von einem wahren Kliniksbericht ging es dann für mich zu einem fiktiven – Dominik Steiner hatte seinen Roman „Hier ist bald woanders“ mitgebracht, in dem es um den Alltag in einer Therapieeinrichtung für Suchtkranke ging. Wir hörten dann den Anfang des Buches. So lernten wir Chris, die Hauptfigur, kennen, der zum Frühsport ging. Dort verausgabte er sich besonders, um von den Gedanken an die vergangene Nacht entkommen zu können. Die Schreibweise war recht bildhaft und ich konnte mir vorstellen, wie es dort roch und wie der Protagonist versuchte, sich um das Duschen mit den Mitpatienten zu drücken. Wenn die Regeln der Klinik gebrochen wurden, wurde allerdings eine recht fragwürdige Bestrafungspraxis vollzogen – der Delinquent musste sich vor allen Mitpatienten und der Ärzteschar in die Mitte der Turnhalle setzen und wurde, einem Tribunal gleich, befragt. In der vorgestellten Szene solidarisieren sich einige andere Patienten mit dem „Sünder“ und rebellieren regelrecht gegen die Kliniksleitung. Mir war das Ganze dann doch etwas zu krass – ich wollte mir nicht vorstellen, dass es eventuell wirklich so zu ging in Entzugskliniken. Mit dieser Hoffnung im Hinterkopf, ging ich schließlich weiter.

Impressionen LBM 2018 – Tag 1

Ich schlenderte nun wieder ein wenig durch die Messehallen und erfreute mich an den liebevoll gestalteten Messeständen. Überall wurde gelesen – egal ob vor Zuhörern bei einer Lesung oder Präsentation, oder ob eben Besucher der Messe irgendwo saßen und ein Buch durchschmökerten. Es gab auch Musik hier und da – etwa beim Musik Café oder am Stand der Instrumentenbauer, wo die mitgebrachten Instrumente ausprobiert werden konnten. An zahlreichen Messeständen gab es Gewinnspiele und Tombolas – es gab Glücksräder oder Lostöpfe und auch ich versuchte mich hier und da und hatte bei den Losen durchaus Glück und gewann ein Buch, Postkarten und Süßigkeiten. Das war echt toll!

Julia Bruns und Holk Maisel

Als nächstes besuchte ich die Lesung im Literaturcafé zu „Thüringer Teufelswerk“ mit der Autorin Julia Bruns und dem Buchhändler Holk Maisel. Der vierte Krimi von Bruns spielte wieder einmal in Thüringen, das „in der Mitte der Republik“ liegt. Dieses Mal entführte und die Schriftstellerin nach Bad Langensalza, wo jedes Jahr ein großes Mittelalterfest stattfindet, auf dem sie nun einen Mord geschehen ließ. Der verbale Schlagabtausch von Bruns und Maisel war absolut unterhaltsam – „wie ein altes Ehepaar, nur dass wir keines sind“. So berichtete er etwa davon, dass sie ihn als Buchhändler des Vertrauens alle Werke Probe lesen ließ und er verriet: „meine Änderungen werden nie angenommen“. Dann wurde auch vorgelesen – und zwar eine „sehr appetitliche Stelle“, die im Original die Anleitung zur Kastration eines Mannes war. Die Lektorin hat das Ganze dann entschärft und dieser Version lauschten wir. In einem Kuhstall hatte der Täter einen toten Mann geschleppt und nachdem er ihn rasiert hat, entmannt er diesen dann schließlich noch. Im Anschluss verstaut er seine Trophäe und all sein Werkzeug und verschwindet wieder – sein Opfer lässt er zurück. Weiter berichteten die beiden Präsentierenden davon, dass auch der Buchhändler an sich in den Büchern der Autorin hoch geschätzt seien – so auch dieses Mal. Und es gibt wohl auch wieder das bereits mehrfach in den Werken vertretene Ermittler-Duo zweier Polizisten – einem Ossi und einem Wessi. „Sie hören bei den beiden alle Vorurteile, die sie noch nicht gehört haben.“ Frau Bruns schwärmte von diesen Figuren und auch von dem Mittelalterfest, was eben Schauplatz des nächsten Mordes sei. Sie verriet außerdem, dass es für sie immer mal wieder schwierig sei, ihre Toten im Buch auch umzubringen – so habe sie einmal versucht, einen Mann zu töten, indem sie ihn aus dem 1. Stockwerk aus dem Fenster stürzen ließ. Es sei schon teilweise schwer zu schreiben, dass auch alle sterben, die es sollen. Diese Lesung war echt unterhaltsam und ich habe es sehr genossen.

Organspende macht Schule mit Daniela Watzke

Am Forum Kinder-Jugend-Bildung hielt Daniela Watzke einen Vortrag mit dem Titel „Organspende macht Schule“. Da ich persönlich dieses Thema extrem wichtig finde, war ich interessiert, was hier dazu berichtet werden würde. Hier sollte „ergebnisoffen zum Thema Organspende informiert“ werden – das heißt, Fakten darstellen, ohne eine Entscheidung für oder dagegen zu provozieren – diese haben sowieso jeder für sich selbst zu treffen. Vielmehr wurde hier Infomaterial für Schulen vorgestellt – deswegen auch der Titel „macht Schule“ – allerdings leider etwas sehr steril und trocken. Das Material sei entwickelt worden, weil Schüler gern diskutieren und sich eben auch für solche Thematiken interessieren. So wurde es altersgerecht aufgearbeitet und in den Schulen angeboten. Ich lernte auch ein wenig bei diesem Vortrag – etwa, das jeder ab dem vollendeten 14. Lebensjahr einer Organspende widersprechen könne. Und ab dem vollendeten 16. Lebensjahr kann jeder in einer Organspende einwilligen. In Deutschland gibt es kein Zentralregister aller Spender, so dass ein mitgeführter Organspendeausweis oder das mündliche Einverständnis ausreichen für eine solche. Die deutschen Krankenkassen informieren alle zwei Jahre zu diesem Thema, so dass es nicht in Vergessenheit gerät, dass sich jeder zu jeder Zeit noch dafür oder dagegen entscheiden kann. Und es sei erwiesen, dass eher nur gut informierte Menschen eine Entscheidung treffen würden – deswegen eben diese Infoflut zum Thema. An dieser Stelle möchte ich jeden bitten, sich mit Organspende zu beschäftigen und dafür zu entscheiden, denn es kann Leben retten. Danke!

1989 – Lieder unserer Heimat

Um mich ein wenig vom Trubel auszuruhen, setzte ich mich dann in der Halle der MCC vor die große Bühne, futterte etwas, schaute mir die Filmvorführung von Regisseur Schwarwel und der Produzentin Sandra Strauß an – es lief die Arbeitsversion von „1989 – Lieder unserer Heimat“. Das Ganze war ein Trickfilm, der in verschiedenen Clips Lieder darstellte. In „VEB Horch, Guck und Greif“ wurde ein Musiker eingekerkert vom System, weil seine Musik eben nicht systemkonform war. Es folgte das „Mädchen im roten Trainingsanzug“ – hier war das systematische Doping im DDR-Sport und dessen Folgen für den Sportler das zentrale Motiv. Bei „Rote Beete“ sang ein kleines Mädchen davon, dass sie die Eltern und Großeltern kaum sah, weil diese alle für die Republik und die Partei arbeiten gehen mussten, währenddessen sie in Kindergarten und Schule gesteckt wurde. Musikalisch hatte das alles eher den Flair von Kinderliedern – zum Teil etwas unmelodisch und einfach gestrickt, aber die Aussagen war allesamt tiefgreifend und schon deprimierend. Um mir die gute Laune nicht verderben zu lassen, zog ich dann aber doch wieder weiter.

Andrea Berwing

Auf der Leseinsel bekam ich gerade noch mit, wie ein Vertreter eines Verlages verbal dagegen protestierte, dass auf der LBM auch rechten Verlagen eine Plattform geboten wurde. Dafür gab es reichlich Applaus. Im Anschluss nahm aber Andrea Berwing Platz, denn sie wollte ihr Buch „Die Wahrheit ist anders“ vorstellen. Sie war in der DDR aufgewachsen, ihr Vater wollte fliehen, wurde erwischt und saß im Knast in Bautzen ein und sie selbst hatte in einer Punkband gesungen. Das Buch selbst hatte sie in Erinnerung an ihren Freund Otze geschrieben – er war einst der Frontmann der Punkformation Schleim-Keim. Ihre Hauptfigur hieß Michael, Sohn von Elli, die ihre Kinder naturnah auf dem Land, abseits der Großstädte, aufgezogen hat. Alle Geschwister mussten ein Instrument lernen – zum Teil bauten sie diese auch selbst in der Scheune aus Alltagsgegenständen wie Zinkwannen oder anderen Dingen. Michael machte auch Musik mit politischen Hintergründen und Otze hatte einst gesungen: „Kriege machen Menschen, Menschen machen Kriege.“ Berwing wechselte immer wieder zwischen kurzen Anekdoten über ihren Freund Otze und kurzen Passagen aus dem Buch, die sie vortrug. So verriet sie etwa, dass sie als Musiker in der DDR oftmals Probleme hatte, ihre Musik in guter Qualität aufzuzeichnen und Otze war beim Thema Aufnahmetechnik sehr kreativ. Einmal hatte er gleich zwei Sternradiorekorder, die so schon schwer zu bekommen waren, zerlegt und aufgeschraubt – „ein Frevel“ – und sich daraus etwas weit Besseres zu basteln. Not macht eben erfinderisch. Und wie es mit Otze und Michael weiterging – ich weiß es nicht, denn schon wieder zog es mich weiter im reichhaltigen Angebot der Lesungen.

Michael Peinkofer

Es zog mich wieder einmal zur Leseinsel Fantasy – doch bevor ich etwas zur Lesung erzähle, hier eine kurze Kritik. Bei allen Leseinseln und dergleichen gab es Stühle, Sessel, Bänke und dergleichen für die Zuschauer – nur hier bei der Leseinsel Fantasy gab es lediglich eine Treppe und sehr, sehr niedrige Sitzmöglichkeiten, wo das Aufstehen immer recht mühsam war und ob der unbequemen Sitzposition das Zuhören oftmals getrübt wurde – echt schade! Doch nun zu Michael Peinkofer, der „Tiefer Zorn – die Legenden von Astray 2“ vorstellte. Für ihn war der Auftritt hier „gefühlt eine Zeitmaschine“, hatte er doch gerade erst Teil 1 des Buches vorgestellt im Vorjahr. Wieder entführte er die Leser in sein Fantasiereich, wo wir auf sieben Helden trafen, die alle den großen Krieg vor 40 Jahren überlebt hatten. Bei einer Katastrophe war der Kontinent gespalten worden – im wahrsten Sinne des Wortes, denn es gab nun eine große Schlucht zwischen den beiden Hälften. Wir hörten dann eine Stelle aus dem Buch, wo einer der gealterten Helden in der Wüste nach dem Mörder seines Vaters suchte. Er landete dabei in einer Kneipe, wo er seinen Gedanken nachhängt. Dann fällt ihm eine wunderschöne Tänzerin ins Auge, die ihn nach ihrer Performance einlädt, mit ihr zu kommen. Was dann passiert, verriet der Autor leider nicht – wer neugierig geworden war, musste es wohl selbst nachlesen – gut gemacht! In der zweiten Szene, die uns Peinkofer vortrug, landeten wir mit ihm in der Stadt der Diebe. Ich verrate nun auch nicht mehr – lest selbst nach, warum die Stadt genau diesen Namen hatte.

H wie Heimlich!

Mich zog es zur Koordinierungsstelle Dekade für Alphabetisierung, wo gefeiert wurde, dass seit einer Dekade zum Thema Analphabetismus informiert wurde. Die Initiative berichtete hier auf der LBM – unter dem Motto „H wie Heimlich! Wie lebt es sich in einer Welt ohne Buchstaben?“ von seinen Erfahrungen und stellte Betroffene vor, die damit kämpften, nun im Alter sich doch dazu entschlossen richtig Lesen und Schreiben zu lernen. Es wurde zu den Ursachen gesprochen – etwa, dass in der Familie alle recht schlecht lesen konnten, dass es in der Schule zu große Klassen gab und sich die Lehrer nicht um alle kümmern konnten und sich die Betroffenen so eben immer durchgemogelt haben. Oder aber sie wurden in Sonderschulen abgeschoben, wo es Lehrer der alten Schule gab, die eher mit Strafen wie auf die Finger schlagen oder in der Ecke stehen bestraften, als zu helfen. Außerdem gab es so etwas wie Nachhilfe noch nicht und sie waren eben allein mit diesem Problem. Dann kam es dazu, dass einfach von der Schule gegangen wurde, wie einer der Anwesenden, Herr Prange, verriet. Er hatte dann eine Lehre begonnen, die er aber wegen seines Problems wieder abbrach, obwohl sein Chef für ihn Verständnis aufbringen konnte. Schließlich ist er einfach arbeiten gegangen in einer chemischen Reinigung. Viele solcher Schicksale wurden bei dieser Gesprächsrunde angesprochen und es machte aber Hoffnung, dass sie alle miteinander den Mut gefunden hatten, sich nun im Alter doch zum Lernen durchzuringen. Jeder hatte da einen anderen Ansporn – etwa der eigenen Tochter einmal einen Brief schreiben zu wollen, den Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu können oder eben Vorlesen zu können bei den Gute-Nacht-Geschichten. Dabei war der Spaß am Lernerfolg ein echter Motivator. Herr Prange ging offen mit diesem Thema um und hatte bisher noch keine negativen Reaktionen im Umfeld, was ebenfalls anspornte. „Man wird selbstbewusst.“ Sein Rat an Betroffene war: „Lest den Kindern was vor“ und die grundlegende Botschaft an alle war: „Lernen tut nicht weh.“ Großartiges Schlusswort für eine Initiative, die wichtig und bewundernswert ist, denn die Arbeit ist nicht immer einfach, aber unbedingt unterstützenswert!

Pia Guttenson

Im Anschluss lauschte ich Pia Guttenson, die ihr neustes Buch im Gepäck hatte – „Schattenkrieger – Hüter des Steinernen Tors“. Zuerst einmal stellte sie dem gespannten Publikum den Hauptdarsteller Nikoma vor und schon hörten wir eine Szene aus dem Roman. Er lag auf einer Trage, war festgeschnallt und erwachte gerade aus einer Art Ohnmacht. Nichts kam ihm bekannt vor – er wusste nicht einmal, dass er Arzt ist. Alle um ihn herum denken, dass er irgendwelche Drogen genommen habe. Er stammt aber aus einer anderen Welt oder Zeit und findet sich im heutigen Schottland, wo er nun war, nicht so wirklich zurecht. Als eine Art Vampir beißt er schließlich ein Mädchen, denn er hat Hunger und dann versucht er aus dem Krankenhaus zu flüchten. In seinem „seltsamen Kleid“ (dem Krankenhausleibchen, was hinten offen ist) irrt er durch die Gänge des Krankenhauses und die junge Cat hilft ihm, nachdem sie ihn in der Leichenhalle blutüberströmt gefunden hat. Zuvor war er acht Stockwerke im Treppenhaus hinunter gesprungen, ohne sich zu verletzen – „Wer bist du? Was bist du?“. Wie sie dann der Szenerie entkommen – lest es nach. Ich fand die Beschreibungen von Schottland echt toll – das holte bei mir schöne Urlaubserinnerungen wieder hervor. Wer noch nie dort war, sollte es unbedingt mal nachholen – es lohnt sich!

Christian von Aster

Hiernach las der großartige Christian von Aster aus seinem aktuellsten Roman „Der Orkfresser“. Den Anfang bekam ich leider nicht so ganz mit, da ich schon wieder dabei war, Bücher zu kaufen – so eine Buchmesse ist aber auch verführerisch. Ich kam dann dazu, als der Autor gerade davon las, wie seine Hauptfigur davon berichtete, dass er einst Orks verprügelt habe und einer dieser hat ihn nun verklagt. Ob es sich dabei um echte Orks oder nur um Rollenspieler handelte, bekam ich leider nicht so ganz mit – aber keine Angst – ich kann es ja daheim in meinem neuen Exemplar des Werkes nachschmökern. Als kleine weitere Anekdote aus dem Buch, gab uns Christian dann noch „Das Orakel des krummen Turms“ zum Besten. Dort versuchten zwei der Hauptfiguren sich ihre Zukunft voraussagen zu lassen, doch das vierköpfige Orakel antwortet eher nebulös. Außerdem kommentierten die vier Köpfe die Weissagungen untereinander, was zu einem absoluten Inhalts-Kuddelmuddel führte und die Orakelsitzung letztendlich den ganzen Tag dauerte und nichts dabei raus kam. Dass das eine Analogie auf die Medien war, „das muss ich ja wohl nicht erst dazu sagen“. Am Ende seiner Lesezeit lud Herr von Aster noch zur Premienlesung dieses Romans am folgenden Abend ein – „mit etwas Pech sind auch Orks da“. Ich war sehr neugierig und da ich die Lesung leider nicht besuchen konnte, hatte ich mir das Buch ja nun schon gesichert für die heimische Leseecke.

Natalja Schmidt & Oliver Graute

Und dann war endlich Zeit für die jährliche Verlosung des Seraph-Preises – dem Literaturpreis für Phantastik. Oliver Graute und Natalja Schmidt hießen die Zuschauer herzlich willkommen und freuten sich, dass sie diese kleine „Tradition“ auch in diesem Jahr wieder fortsetzen konnten – bereits zum 7. Male. Sie waren froh, dass sie ihre gegebenen Versprechen auch halten konnten und so seien es eben in diesem Jahr wieder drei Preise. Dafür gab es so viele Einsendungen wie noch nie zuvor und deswegen musste die Jury auch umfangreich sein, um das ganze Angebot sichten und bewerten zu können. Oliver stellte alle 21 Jurymitglieder namentlich vor und nach einem Dank an die LBM, die Fördermitglieder und die Unterstützer der Phantastischen Akademie gab es einen großen Applaus. Außerdem bedankte sich der sichtlich zufriedene Moderator bei Claudia Heinzelmann, die wieder einmal die wunderschönen Preisskulpturen gestaltet hatte.

Michael Marrak

Weil die anwesenden Autoren allesamt schon ganz aufgeregt waren, ging es dann in die Vollen und Natalja stellte die Vertreter der Shortlist für die Kategorie „Bestes Buch“ vor. Dabei versuchte sie in kurzen Worten zu klären, ob sich das Genre Fantasy denn irgendwie verändert habe. Die „Scifi hat es da einfacher“, denn oft wird in diesem Bereich der Schreiberei Tolkien als das Maß der Dinge angesehen und alles, was weniger als 400 Seiten hat, würde nur als Novelle angesehen. Dabei sei doch aber etwas Neues absolut wünschenswert und auch eine Entwicklung innerhalb des Genre. Deswegen war sie froh, derart verschiedene Einsendungen für den Wettbewerb entdeckt zu haben. Sie schloss ihre kurze Ansprache mit einem Zitat vom kürzlich verstorbenen Stephen Hawking: „Schaut zu den Sternen – nicht auf eure Füße.“ Vorjahressiegerin Katharina Seck hatte dann die Ehre des diesjährigen Preisträger zu verkünden. Ihre Laudatio war kurz und sie erinnerte sich gern an ihre Gefühle bei der Verleihung im Vorjahr und endlich verriet sie den Gewinner – Michael Marrak mit „Der Kanon mechanischer Seelen“. Er war absolut überwältigt und meinte: „Die Götter müssen verrückt sein.“ In seinem Freudentaumel erinnerte er an zwei besondere Dankesreden von einer Oscarpreisträgerin, die völlig gefasste auf die Bühne kam und dann völlig hysterisch „Oh my God, Oh my God…“ rief, um im Anschluss wieder völlig gefasst die Bühne zu verlassen. Und an Michael Stipe von R.E.M. erinnerte er, der einst bei einer MTV-Award-Verleihung nur verschiedene Shirts mit Dankessprüchen aufzeigte, anstatt selbst etwas zu sagen. Selbstverständlich bedankte sich Marrak noch bei seinem Verleger, den Lesern und der Jury. Mit einem Beifall zog er sich dann glücklich lächelnd zurück.

Janna Ruth

„So, den ersten haben wir schon mal verblüfft“, meinte Oliver zufrieden. Es ging nun Schlag auf Schlag denn schon sollte der zweite Preis vergeben werden – der „Beste Independent-Titel für Selfpublisher“. Die Laudatio hierzu hielt Jennifer Jäger, die froh und dankbar war, dass Selfpublishing auch hier beim Seraph, „dem wichtigsten Fantasypreis“, angekommen war. Nachdem sie alle Vertreter der Shortlist benannt hatte, hieß es schließlich – „Gewonnen hat – LaLaLand.“ Was ein Lacher! Aber um den Spannungsbogen schließlich nicht zu überspannen, verkündete sie Janna Ruth mit „Im Bann der zertanzten Schuhe“ als Gewinnerin und im Publikum wurde lautstark gejubelt und gekreischt. Die völlig überwältigte Janna hatte Tränen in den Augen und brauchte einen Moment, um ihre Sprache wieder zu finden. Dann verriet sie stolz, dass alle Selfpublisher sich gegenseitig unterstützt hätten und sie dafür dankbar war. Dank ging auch an die Märchenspinnerei, die sie bei ihrem Vorhaben unterstützt hatte.

Theresa Hannig

Bevor es dann endlich zum dritten Preis ging, verriet Oliver, dass er in seinem beruflichen Alltag mit Scifi zu tun habe – 3D-Druckern, Exoskeletten und vielem mehr. All das sei schon Scifi und es würde immer mehr – „Welche Tätigkeit ist in der Zukunft noch dem Menschen vorbehalten?“ Diese Frage konnte nicht so ganz geklärt werden, aber auf jeden Fall ist das schöpferische und kreative eine Sache, die sich der Mensch und vor allem die Autoren bewahren sollten. Sie sollten Schöpfer sein und „Neues“ erschaffen, anstatt „Altbekanntes wiederzukäuen“. Den Preis für das „Beste Debüt“ verlieh schließlich die Vorjahressiegerin Julia Lange, die bei ihrer Laudatio ihren Weg zum Erfolg berichtete. Schließlich kämpfe jeder Autor für seinen Traum „der Veröffentlichung“. Auch die diesjährige Gewinnerin Theresa Hannig hatte diesen Weg beschritten und nun endlich mit „Die Optimierer“ die Lorbeeren dafür geerntet. Theresa war absolut perplex und konnte zuerst nur „Oh krass“ sagen. Nachdem ihr dies mehrfach rausgerutscht war, bedankte sie sich noch bei ihrer Lektorin, den Lesern und ihrer Familie.

Oliver und Natalja waren sichtlich zufrieden mit den Reaktionen der Preisträger und bedankten sich noch einmal bei allen, die den Preis in diesem Jahr mit möglich gemacht hatten. Mit einer Einladung zur langen Fantasy Lesenacht, die an diesem Abend noch stattfinden sollte, ging das Ganze dann auch schon zu Ende.

Und da ich nun endgültig kaputt war von diesem langen Tag auf der Messe, machte ich mich auf den Heimweg – mit viel neuem Lesematerial im Gepäck.

Weiter zu Tag 2

Autor & Photos: Scratchcat

Hier geht es zur Galerie-Übersicht der Messe