Leipziger Buchmesse 2018: 15.-17.03.2018 Messe Leipzig – Tag 2

Wieder war ich pünktlich zum Einlass an der Neuen Messe und freute mich über die bereits zahlreich erschienenen Cosplayer – wobei ich dazu sagen muss, dass ich in diesem Jahr irgendwie weniger davon gesehen habe und vor allem weniger superaufwendige Cosplays – schade.

Veronika Fischer

Ich wanderte ein wenig durch die Messehallen und nach einem morgendlichen Plausch mit Freunden, die ich getroffen hatte, kam ich am ARD-Forum an, wo die DDR-Sängerin Veronika Fischer ihr Buch „Woher Wohin“ präsentierte. Im Gespräch mit eine Moderator verriet sie, dass es in diesem Werk um ihre Erinnerungen an ihr musikalisches Leben ging. Sie selbst konnte sich „nie erinnern“, aber in Gesprächen mit Freunden kamen ihre Gedanken an damals dann doch wieder zutage und das habe sie schließlich aufgeschrieben. Das Ganze sei allerdings eine erweiterte Ausgabe eines bereits früher erschienenen Buches, in dem es zwei verschiedene Schreibstile gab. Auch ihre Kindheit in Wölfis wurde hier beleuchtet. Veronika war in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen, da ihre Mutter ihre Liebe zur Musik an jedes ihrer Kinder weitergegeben hatte. Später studierte sie Gesang in Dresden und spielte dort in mehreren Bands – unter anderem Panta Rhei oder Stern Meißen. Nach einiger Zeit machte sie schließlich allein Gehversuche mit einer Band, die sich in einem Proberaum in Berlin Prenzlauer Berg traf. Der Proberaum war allerdings extrem runtergekommen und abenteuerlich. Musikalisch aber hatte sie schnell Erfolg und ging schließlich als Vorband von Omega in Ungarn auf Tournee. Der erste Live-Auftritt wurde zum Durchbruch – eigens dafür hatte sie auf umständlich Weise Tauben organisiert, die beim letzten Lied aufsteigen sollten. Auch eine Tournee in der ehemaligen Sowjetunion „war Pflicht“. Dort wäre sie allerdings „fast gestorben“, da sie sich mit der Ruhr infiziert hatte. Aber auch das überstand sie glücklicherweise. Was als Musiker in der DDR ebenfalls abenteuerlich war, war an gute Instrumente zu kommen. Sie berichtete kurz davon, wie ihre Formation an eine der begehrten Hammond-Orgeln gekommen war. Und weil sie als Musikerin schließlich aus der DDR ausgereist ist – „Der Staat hat mich verraten und nicht ich die DDR“, fehlte ihr ein wenig das Heimatgefühl. Nach all der Zeit konnte sie nun endlich für sich sagen: „Heimat ist da, wo man sich zu Hause fühlt – da, wo die Menschen sind, die ich liebe.“ Immer weitere kleine Anekdoten berichtete die sympathische Sängerin, doch ich machte mich weiter auf den Weg durch die Hallen.

Kerstin Fielstedde

Beim Literaturcafé war Kerstin Fielstedde bereits dabei, aus ihrem Buch „iCats Kamikatze“ vorzutragen. Hier waren die Hauptdarsteller Katzen – wie schon der Titel erraten ließ. Durch Zuschauer lernten den Maine-Coon-Kater Ian kennen, der nach seiner Schwester suchte. Er selbst war krank und machte sich Sorgen um seine Schwester Inghean. Diese war eine Agentin der iCats, einem „interkatzionalen“ Agentenverein, der nicht nur Katzen, sondern auch Hunde, Vögel und einen halben Regenwurm als Mitglieder aufwies. In der vorgelesenen Szene kam Ian in ein Büro, wo er die „Fenster in die moderne Welt“ entdeckte – gemeint waren damit Computerbildschirme. Er selbst fand sie ein wenig gruselig. In diesem besagten Büro hörte er immer wieder Geräusche und es roch nach „altem Tod“. Aus Angst, seine Schwester tot aufzufinden, war er sehr vorsichtig und schließlich fand er nur ihr liebstes Spielzeug – eine alte Hasenpfote. „Er macht drei Kreuze mit der Pfote ins Parkett.“ Doch irgendwo musste doch ein Zeichen von Inghean sein – schließlich am Boden des Papierkorbes entdeckte er eine Nachricht in „uralter Katzenkeilschrift“, die die Autorin eigens für ihr Buch aus der Braille-Schrift selbst entwickelt hat. Was war mit ihr passiert? War sie wirklich in ein Tierversuchslabor verschleppt worden? Wer nun neugierig ist – die Schreibweise des Romans war sehr amüsant – also ab in die nächste Buchhandlung und nachlesen.

Beim Schlendern durch die Messehallen sah ich immer wieder kleine Gruppen von Polizisten, die vollkommen unaufgeregt durch die Mengen patrouillierten und sich umsahen, ob auch alles mit rechten Dingen zuginge. Das fand ich vollkommen in Ordnung und niemand nahm irgendwie Anstoß daran. An einzelnen Lesebühnen gab es auch Security-Mitarbeiter, vor allem wenn Promis lasen, doch auch das störte niemanden und alles war recht dezent gehalten. So kam, zumindest für mich, keine große Verunsicherung auf und es lief alles sehr tiefenentspannt ab.

Katharina Meyer & Kollege

An der Leseinsel der Jungen Verlage bekam ich noch den Schluss der Vorstellung zu „Freiheit ist Kunst“ mit – einer Sammlung von Werken aus 60 Jahren Merlin Verlag. Nach einem Text von Horst Janson, verrieten die Verlegerin Katharina Meyer und ihr Kollege, was denn die „Freiheit in der Kunst“ sei und wo es das gäbe. Hierzu wurde Zitate von Franzosen, Iranern, Amerikanern, Indianern und vielen mehr gesammelt, die allesamt eine andere Definition dazu in petto hatten. Kant etwa meinte: „Freiheit ist ein Juwel“. Und mit all diesen unterschiedlichen Meinungen verabschiedeten sich die beiden Präsentatoren schließlich.

Bettina Wilpert

Als nächstes war dann Bettina Wilpert an der Reihe. Sie hatte ihren Debüt-Roman „Nichts, was uns passiert“ dabei, in dem es um eine Mann und eine Frau ging und darum, dass er sie vergewaltigt hat und wie es den beiden damit ging. Bettina hatte das Buch bereits vor dieser ganzen aktuellen Metoo-Kampagne geschrieben und war erstaunt, wie ihr Werk nun oftmals dafür instrumentalisiert würde. Das Szenario spielte in Leipzig und als erstes trug sie uns die erste Begegnung der beiden Protagonisten vor. Anna und Jonas trafen sich zuerst bei der Fußball-WM bei einem Spiel und dann immer wieder an der Uni oder in der Bibliothek. „Sie war eine, die sich über alle beschwerte“, was ihm gefiel. Die beiden fanden sich gegenseitig ganz in Ordnung aber sie waren jeweils „nicht richtig umgehauen“. Dennoch faszinierte ihn, dass sie Russland-Deutsche war und sich mit Literatur aus der Ukraine auskannte, wozu er gerade promovierte. Jonas selbst war in der Schule ein Nerd gewesen und als Student der Literaturwissenschaften machte ihn das schon wieder cool. Das Buch war aus der Sicht eines Ich-Erzählers verfasst, der die Hauptfiguren und ihre Familie und Freunde zu der Situation nach der Vergewaltigung interviewt hat und dies nun alles berichtete. Die zweite Szene, die Bettina uns vorlas, erzählte von der ersten Begegnung der beiden nach dem schlimmen Ereignis – beim Einkaufen im Supermarkt. Jonas war ganz locker und meinte nur lapidar: „Du hast dich gar nicht mehr gemeldet auf meine Nachrichten.“ Sie war emotional total aufgewühlt und wütend und ringt sich endlich durch, eine Anzeige zu erstatten. Wie es ihr bei der Polizei erging und was daraus wurde – das blieb offen, denn die Lesezeit war um. Ein spannendes Thema und ein interessantes Buch. Mit viel Beifall wurde die Autorin vom Publikum verabschiedet.

Johannes Floehr

Die Leseinsel Junge Verlage präsentierte als nächstes einen kleinen Poetry-Slam – vielmehr trugen zwei Herren aus der Poetry-Slam-Szene einige Auszüge aus ihren neuen Büchern vor. Da war zuerst Johannes Floehr aus Krefeld, der „Buch“ mitgebracht hatte. Er hatte zuvor recherchiert und noch kein Buch trug den Titel „Buch“ und so wählte er eben diesen für sein Werk. Mit der „Rede, an alle, die ich meine“ ging es dann los. Dieser doch recht politisch angehauchte Text forderte uns auf: „Sollen wir nicht alle gemeinsam…“ Ja, was denn? Immer wieder redete er in Teilsätzen und ließ das eigentliche Ziel offen – irgendwie erinnerte mich das an die Reden der großen Politiker – gut beobachtet und adaptiert. Sprüche wie „Auf einer Skala von Januar bis Herbst ist ein viertel vor 12“ oder „Brust und Nazis raus“ wurden von den Zuschauern mit viel Gejohle aufgenommen. Als zweites war dann Jann Wattjes an der Reihe, der „einen total schönen Buchtitel“ aufweisen konnte – „Lauchentscheidungen“. Jann fragte in die Runde: „Wer ist gegen seinen Willen hier?“ Einige im Publikum meldeten sich – womöglich Schulklassen, die einen Ausflug zur LBM unternommen hatten. Der Autor war sichtlich zufrieden und er berichtete in einem Text von dem Mensch, der für ihn an allem Schuld war, was bei ihm schief lief – „meine Mutter“. Er war 16 und hatte eine Freundin – Selina – „Das ist aber kein deutscher Name“. Seine Mutter rezitierte beim Abendessen ausführlich über die Familiengeschichte der Freundin – sie kennt ja alle im Ort. Währenddessen schlagen sich sein Bruder und sein Vater bewusstlos, um das nicht alles hören zu müssen – das Gelächter an der Leseinsel war groß.

Jann Wattjes

Im Wechsel ging es dann wieder mit Johannes weiter, der eine „180 Grad-Lesung“ abhielt. Er deklamierte „Eine Absage“ – dabei sagte er einem Kumpel ab, weil er eine spontane Einladung zu einem Festival bekommen hatte, von einer ihm unbekannten Frau. „Der alte Tattergreis Zufall macht nicht immer nur Scheiße.“ Und als Abschluss des Slams kam noch einmal Wattjes nach vorn, der „Vom Cornetto verweht“ war. Darin berichtete er von einem Erlebnis, dass er und ein Freund mit 12 hatten – es war warm und sie wollten Eis essen gehen. „Minimilk war was für Muschis“ und „Diabetes ist nun mal kein Zuckerschlecken“ – solche und ähnlich Wortschöpfungen trieben uns zum Teil die Lachtränen in die Augen. Sehr unterhaltsam und absolut sehens- und hörenswert! Ich habe diese halbe Stunde echt genossen und hätte den beiden noch stundenlang lauschen können. Toll gemacht!

Aron Boks

Und weiter ging es mit einem Vertreter der Poetry-Slam Szene – allerdings hatte Aron Boks seinen ersten Roman „Dieses Zimmer ist bereits besetzt“ mitgebracht. Es war für ihn eine Premiere, denn er las das erste Mal aus dem noch nicht erschienenen Werk vor. Seine Hauptfigur war ein Typ aus Berlin, der als verdeckter Ermittler arbeitete und aufpassen musste, dass er sich nicht zu sehr in seiner verdeckten Rolle verlor und noch an seine Aufgabe als Polizist dachte. Um uns einen Einstieg in das Werk zu geben, trug Aron das 1. Kapitel vor. Dort verpasste der Ermittler wieder einmal seinen Zug und observierte eben nicht während seiner Wartezeit einen Gelegenheits-Haschisch-Händler – er sah es zwar, machte sich aber keine Notizen oder dergleichen. Vielmehr hing er eigenen Gedanken nach. Ihm war komisch zumute – denn er hatte nicht gefrühstückt. Montags frühstückt er immer nicht, weil er den Sonntag loswerden wollte – es war allerdings schon Mittwoch. Der Protagonist dachte an seine Freundin und vieles mehr und endlich kam dann auch sein Zug. Leider war die Vorlese-Art von Aron nicht ganz mein Stil – er war auch ein wenig zu leise – und so machte ich mich wieder auf.

Kai Meyer

Am Stand von LovelyBooks hatte sich Kai Meyer zu einer Gesprächsrunde eingefunden, um sein neues Buch „Die Krone der Sterne – Hexenmacht“ vorzustellen – Teil 2 einer Buchserie. Das Ganze wurde live ins Internet gestreamt. Die Moderatorin beschrieb das Werk als „Stars Wars meets Herr der Ringe“, was Kai zum Lachen brachte. Er selbst zog einen Vergleich zur alten Trickfilm-Serie Captain Future, wo es neben den Scifi-Elementen eben auch Magie und mehr gegeben hatte. Der Autor war nicht so recht in der Lage, Teil 1 in kurzen Sätzen zusammenzufassen. Er stellte nur klar, dass der zweite Band „deutlich komplexer“ geworden ist, als er dachte. Auch sieht er die Scifi-Elemente in seinen Werken nicht so eng. Es gibt ja immer wieder Autoren und auch Leser, die großen Wert auf wissenschaftliche Genauigkeit und dergleichen legen würden – er aber nicht. Vielmehr bastelt er es sich so zuerst, wie er es braucht. Er hat grob die Eckpunkte einer großen Welt im Kopf, bereitet einige Dinge schon Mal vor, indem er Namen einfach so einstreut und sich diese dann später, wenn er sie braucht, heranzieht und dann Sachen und Details dazu erfindet. Eigentlich eine clevere Methode! Der Leser denkt dann immer, das sei alles von langer Hand so geplant – aber nein. Darüber amüsiert sich Meyer immer wieder. Solche und noch weitere Kniffe verriet der Autor in diesem Interview – ihr könnt das Ganze aber auch der Facebookseite von LovelyBooks nochmals anschauen.

Katharina Wolf

Wieder war ich dann beim Literaturcafé gelandet – Katharina Wolf stellte hier ihren Roman „Nachrichten von Mr. Dean“ vor. In diesem Jugendroman ging es um das Mädchen Ruby, dass ihren Job nicht mochte und auch sonst nicht sonderlich glücklich im Leben war. Um sich abzulenken, verlebt sie einen Abend mit ihrer besten Freundin, die eine neue Handynummer hat. Beim Abspeichern dieser macht Ruby wohl aber einen Fehler und als sie eine Message losschickt, die Freundin solle ihr doch bitte Tampons mitbringen, landet sie bei einem Typen, der ihr daraufhin zurück schreibt, ob es „ein Blutbad“ gegeben hätte, da er nicht auf die Order reagieren könne. Am nächsten Morgen registriert Ruby erst, was genau da passiert ist. „Sie hatte sich eventuell ein bisschen sehr blamiert.“ Vielleicht war sie doch etwas sehr betrunken am Vorabend. Trotzdem schreibt sie diesem Unbekannten weiter. Dieser stellt sich ihr als James Dean vor und sie sich ihm als Merida – „wie diese Disney-Prinzessin“. Das Ganze war sehr unterhaltsam geschrieben und auch gut vorgetragen. Ich war dann schon neugierig, wie es mit den beiden weitergehen würde. Schreiben sie nur oder treffen sie sich auch irgendwann einmal?

Hans Thiers & Michael Kirchschlager

Thematisch ging es nach diesem unterhaltsamen Werk in eine ganz andere Richtung. Im Literaturcafé wurde es nun kriminell, denn Michael Kirchschlager vom Verlag Kirchschlager und Hans Thiers stellten das Werk „Serienmörder der DDR“ vor. Zuerst einmal wurde Herr Thiers als Diplom-Kriminalist a.D. vorgestellt, der in seiner beruflichen Laufbahn „150 Mörder hinter Schloss und Riegel gebracht“ hat. In diesem nun vorliegenden Buch seien nur echte Fälle enthalten und erstmals sind alle bekannten Serientäter der ehemaligen DDR (von 1949-1990) in einem Band zusammengefasst. Thiers hat einst 17 Jahre lang in Gera bei der Morduntersuchungskommission (MUK) ermittelt und aus dieser Zeit erzählte der sympathische „Kommissar“. Er bemängelte dabei, dass nach der Wende die MUKs abgeschafft wurden – das habe es nicht wirklich einfacher gemacht. Die beiden Herren waren absolut im Thema drin, mit viel Enthusiasmus berichteten sie von dem ein oder anderen Fall. Dabei wurde klar, dass es in etwa drei Typen von Serientätern gibt – 1. den sexuell sadistischen Kindermörder, 2. den sexuell sadistischen Frauenmörder und 3. Frauen, die ihre Kinder nach der Geburt töten. Gerade der letztere Typ war besonders belastend für die Ermittler – so gab es einmal eine Frau, die sechs Mal ihre Babies direkt nach der Geburt erstickt und verbrannt hatte – der Vater der Kinder war ihr eigener Vater, mit dem sie ein Verhältnis gehabt hatte. Dafür erhielt die Frau 10 Jahre Gefängnis, ist aber nach wenigen Jahren bereits schon wieder auf freien Fuß gewesen. Und noch weitere solche Beispiele verrieten Thiers und sein Verleger. „In der Regel waren die Kinder nach der Tötung in der Nähe verbracht“, etwa in den Blumenkästen auf dem Balkon oder ähnliches. Das war schon krass zu hören – wie kann eine Mutter nur so etwas tun? „Ein Mord kann mal passieren – sollte nicht, aber kann passieren.“ Wer noch mehr solche Fälle nachlesen wollte, der war hier genau richtig. Ich fand den Vortrag erschreckend und spannend zugleich. Danke an die beiden Herren!

Und mit diesen Eindrücken machte ich mich dann langsam durch Eis und Schnee auf den Weg in die Innenstadt – wollte ich doch am Abend noch eine Lesung im Darkflower moderieren – doch dazu an anderer Stelle mehr.

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Autor & Photos: Scratchcat

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