Leipziger Buchmesse 2019: 21.-23.03.2019 Messe Leipzig – Tag 2

Dirk von Lowtzow & Christine Watty

Wieder gestärkt ging es am zweiten Tag der LBM wieder zeitig in die Hallen, wollte ich mir doch gleich zu Beginn die Präsentation von Dirk von Lowtzow von Tocotronic ansehen, der beim Blauen Sofa sein Werk „Aus dem Dachsbau“ vorstellte. Christine Watty war hier im Gespräch mit dem Musiker über das Buch, das das ABC des Tourlebens und dieses „seekrank“-Gefühl danach unter die Lupe nahm. Dirk berichtete in diesem Buch vom Leben im Tourbus, von der „Verschwurbelung“ im Kopf, die durch den verdrehten Tagesrhythmus und die ganz andere Welt auf Tour herrührt und auch von der Selbstdisziplin, die ein Musiker haben sollte, um all das durchzustehen. Das Werk an sich war alphabetisch aufgebaut, hat aber doch einen roten Faden, der sich in Form des Freundes Alexander finden lässt. Das Schreiben des Buches war für Dirk „neu“, aber dann doch nicht anders als Songs schreiben, aber ohne Gitarre und weniger mathematisch. Der Musiker war stolz auf sein Buch, er hoffte aber, dass „es nicht eitel ist“, was Christine verneinte. Diese Einblicke in das Leben als bekannter Sänger und Songwriter waren absolut interessant und für alle Fans von Tocotronic ist dieses Buch ein Must Have!

Brenda Strohmaier

Nachdem ich so entspannt in den Messetag gestartet war, wartete bei der Lesung von Brenda Strohmaier ein Thema auf mich und die anderen Interessierten, dass es in sich hatte. Die Autorin berichtete in „Nur über seine Leiche“ davon, wie es ihr nach dem Tod ihres Ehemannes ergangen war – eine Vorstellung, die mir persönlich echt große Angst macht. Brendas Mann hatte eine seltene Erkrankung und war nach langem Leidensweg dann verstorben. Sie war dann in der Situation, wo sie sich fragte: „Wie funktioniert mein Leben nach dem Tod und als Witwe?“ Viele unbekannte Fragen tauchten auf, denen sie sich nun stellen musste. Und schnell fiel ihr auf: „Ich war einfach nicht depressiv genug“ und das verunsicherte sie natürlich. Als Redakteurin war sie schon immer mit Wortwitz ausgestattet und dieses „Witz-Tourette“ verließ sie auch in der Phase der Trauer nicht. Deswegen hatte sie sich dazu entschieden, dieses Buch zu schreiben, denn das Witwe-Werden war für sie persönlich eine Art „Selbstfindungstrip“. So unternahm sie etwa eine Weltreise und berichtete auch von ihrer großen Liebesgeschichte und was sie so alles durchmachen musste. „Ich entschuldige mich für dieses Buch“, meinte sie scherzhaft. Sie war aber auch absolut beruhigt, dass sie nicht allein war mit ihrer Einstellung, nicht alles so ernst und traurig zu nehmen. So berichtete sie mit einem Lächeln davon, wie ihr Mann „fast mit Schnurrbart“ gestorben sei, wo er doch nie einen Bart getragen hatte. Ich war total beeindruckt von Brenda und war froh, von ihren Ansichten gehört zu haben. Dass der Tod eines geliebten Menschen auch zu solchen Erlebnissen und Gedanken führen kann – danke für die Offenheit. Dieses Buch ist in meinen Augen echt großartig und wichtig!

Impressionen LBM 2019 – Tag 2

Selbstverständlich musste ich noch einmal bei meinen Freunden in der Fantasy-Ecke der Messe vorbeischauen und meinen Zeitreisepass bei den Beamten des Amtes für Aetherangelegenheiten abstempeln lassen – es gab direkt mehrere Visa und Zeitreisemarken. Außerdem musste ich neuen Lesestoff für mein heimisches Bücherregal ordern – es platzt zwar schon aus allen Nähten, aber das musste sein. Einige ausführliche Gespräche mit Freunden waren auch noch drin und dann pilgerte ich weiter. Weil es an diesem Freitag aber schon um einiges voller war als noch am Vortag, wurden die Besucherfluten schon durch die Gänge zwischen den Hallen geleitet – es ging immer nur in eine bestimmte Richtung in die einzelnen Hallen hinein und an anderer Stelle wieder hinaus. Weil das Wetter aber echt schön war, war das Außengelände auch gut gefüllt und nicht wenige nutzten eben diese Wege, um von A nach B oder C zu kommen. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, in diesem Jahr nicht so viele aufwendige Cosplays zu sehen – ich kann mich ja täuschen, aber insgesamt bekam ich weniger zu Auge, die wirklich viel Aufwand betrieben haben für ihre Gewandungen. Die einzelnen, die ich aber sah, waren dann umso schicker. Meist war das dann aber mitten in den Massen, so dass ich in diesem Jahr so gut wie keine Bilder schießen konnte – vielleicht nächstes Jahr wieder.

Bela B Felsenheimer & Jo Schück

Ich hatte mich schon einige Zeit vorher beim Blauen Sofa eingefunden, denn einer meiner musikalischen Helden war angereist, um seinen ersten Roman „Scharnow“ zu promoten. Die Rede ist selbstverständlich von Bela B Felsenheimer – sexiest Punk alive. Als er die Bühne betrat, jubelte die Menge und er grinste. Jo Schück begrüßte alle Anwesenden und verkündete, dass Bela „seit drei Wochen Bestseller-Autor“ sei. Das Schreiben des Buches war für den Musiker völlig anders, als alles andere vorher, aber er habe „einfach angefangen zu schreiben“ und heraus kam dieses Werk. Das Ganze sei aber keine Midlife-Crisis oder so etwas. Jo war aufgefallen, dass ganze 75 Seiten in dem Buch leer seien – eine Leserin habe Bela dazu sogar angeschrieben, was er witzig fand. Beim Schreiben sei er von der Entwicklung der einzelnen Figuren immer wieder überrascht gewesen, denn einen konkreten Plot habe es vorher nicht gegeben. Es gibt in dem Roman so viele kleine Ereignisse und dermaßen zahlreiche Figuren, dass Jo meinte, es sei „ein Buch wie ein Wimmelbild“. Anfangs hatte Bela Geschichten gesammelt – aus den Medien oder durch Bekannte, die er zu Kurzgeschichten oder Texten verarbeiten wollte und daraus sei dann eben der Roman entstanden und alles sei mit drin. Plötzlich begann er, sein Hemd aufzuknöpfen und zum Vorschein kam ein Shirt mit der Aufschrift „Spiegel Bestseller“ – ein breites Grinsen im Gesicht ließ er sich dafür abermals bejubeln. „Noch bin ich ein Autor ohne Allüren – beim 2. Buch wird das ganz anders“, so Bela mit einem Augenzwinkern. Im Roman gibt es zwei Ebenen – eine reale und eine fantastische. Ein Beispiel für die zweite Ebene sei etwa das „fressende Buch“, das einen Buchkritiker tötet – „das gedruckte Wort wird sie vernichten“. Gegen Ende der Gesprächszeit diskutierten die beiden Herren noch, wie das Ganze denn verfilmt werden könne – als Serie wäre es Bela wohl am liebsten. Und ich würde mir das auf jeden Fall anschauen – das klang alles so abgefahren – also bitte verfilmt „Scharnow“ – egal wer. Der Jubel am Ende war groß, auch wenn der Musiker keine Zeit für Autogramme hatte – schade eigentlich!

Christian Ritter

Bei den Jungen Verlagen war dann Christian Ritter an der Reihe. Der Poetry Slamer las aus seinem neusten Werk „Birgit und Berlin“. Das Buch enthielt Kurzgeschichten und Dialoge. Die Story, die dem Ganzen auch seinen Namen gab, handelte von Birgit, die ihn in Berlin besuchte. Die Frau hatte nur einen Fehler – sie konnte nicht „Nein“ sagen und war absolut freigiebig. So bekam wirklich jeder Bettler, der sie anschnorrte Kleingeld, Zigaretten oder mehr. Es ging sogar so weit, dass ein gewisser Jamal, der gar kein Afrikaner war, sie um richtig viel Geld anpumpte und sie letztendlich bei Jamals deutschen Mutter zum Essen waren – wo sollte das nur enden? Als nächstes folgte ein Dialog „Ich mit meiner Enkelin“. Die Enkelin sprach Christian mit verstellter Stimme. Die beiden diskutierten darüber, was die Menschen in 2019 so alles gemacht haben – viel „ge-Netflix-t“. Etwa sahen sich die Menschen Serien an, von Anfang bis Ende, obwohl sie das Dargebotene von Beginn an Mist fanden. Oder aber sie haben stundenlang auf Instagram Bilder angeschaut, obwohl alles nur Werbung war. Ab und an wurde auch „digital detox“ betrieben und auf Demos gegangen – es wurde sich engagiert. Die Enkelin befand das alles als „Scheiße“ und „alles Arschlöcher“ – in gewisser Weise hatte sie schon Recht. Der Autor outete sich in einem Nebensatz als schwul und hatte dazu einen weiteren Text in petto – „ach du bist Hetero?“. Das war sehr amüsant, wenn all die homophoben Sprüche mal aus der Sicht der Gayszene gebracht werden – wahnsinnig gut und hoffentlich für den einen oder anderen Augen öffnend. Die weiteren kurzen Texte aus Christians Buch war ebenfalls sehr ergötzend und kurzweilig – danke für diesen Spaß! Davon brauchen wir mehr!

Nurja Glasauer

Weil es mir gerade so gefiel, blieb ich bei den Jungen Verlagen und lauschte im Anschluss Nurja Glasauer, die im Wechsel mit Chriss Lyasann eigene kurze Texte aus der Poetry Slam-Szene vortrug. Nurja machte den Anfang mit „Krach und fertig“ – einem „unfassbar traurigen Text“. Sie war etwas erkältet und hatte Sorge, die Zuschauer anzustecken, doch da passierte zum Glück nichts. In ihrem Text berichtete sie davon, wie sie einmal „aus Versehen Goldfische auf der Straße aufgesammelt“ hat. Das Ganze war „selektiv fiktiv“ und mittlerweile waren die Fische auch schon wieder alle tot, weil die dummen Tiere ihr nicht gesagt haben, dass es ihnen schlecht ging – selbst Schuld oder?! Chriss folgte hiernach mit der Frage „Festmahl oder kann man das lutschen“. Er trug seinen Text frei vor, wohingegen Nurja vorher abgelesen hatte. Ich war davon sehr beeindruckt, war seine Abhandlung doch in gereimter Form. Er erzählte davon, wie er auf der Suche nach etwas Essbaren mit seiner Katze um die Wette würgte, nachdem er eine Dose fermentierten Fisch geöffnet hatte. So kam es nicht dazu, dass er seinen Hunger stillen konnte.

Chriss Lyasann

Nurja übernahm wieder das Mikrofon – „ich mach das nicht aus Spaß“ – und stellte und eine Story vor, die sie einst auf ihrem eigenen Abi-Ball vorgetragen hatte und wonach es Protestbriefe an die Schule gegeben hatte. In „Ein, zwei Dinge noch“ ging es darum, dass zwei Frauen sich küssten und mehr und dafür angefeindet wurden. Das Vorgetragene richtete sich gegen alle Homophoben da draußen mit der Feststellung „Laktoseintolerante sind auch anders“. „Wir sind verletzt“ und „es tut weh“ – all die blöden Bemerkungen und Sprüche grenzen an „verbale Verletzung“ und das ist nicht OK. Dafür erhielt sie großen Beifall. Chriss beschloss den Textreigen mit „Respekt für alle“, wo er sich über Schilder mit diesem Wortlaut ausließ. Verallgemeinerungen sind nämlich nicht geht, egal worum es dabei geht. Das regte durchaus zum Nachdenken an und ich danke dafür. Das war mal richtig gut!

Holger Much & Christian von Aster

Wenn Christian von Aster und Holger Much gemeinsame Sache machen, kann doch nur etwas Wundervolles dabei herauskommen. Davon wollte ich mich persönlich überzeugen und gesellte mich zur Lesung der beiden an der Leseinsel Phantastik 1. „Ein Brief vom Keilerstein“ wurde schon einmal von Christian veröffentlicht, doch „damals war die Geschichte nicht halb so schön“, denn es fehlten die „großartigen“ Illustrationen von Holger. Der Autor begann sogleich daraus vorzulesen und wir lauschten einem Brief, den die Hauptfigur an einen alten Freund namens Thomas schrieb. Darin erklärte er, warum so lang Funkstille zwischen ihnen geherrscht hatte. Mit einigen Erinnerungen an unbeschwerte Tage berichtete der Schreiber davon, dass er seine Arzt im Praktikumsstelle im „medizinischen Niemandsland“ am Keilerstein angetreten hatte wegen Dr. Sternhammer, dem „Frankenstein von Marburg“, den er sehr verehrte. Dessen Ideen gehen wohl weit über die Schulmedizin hinaus und ergeben, verbunden mit Spiritualität, etwas Großes. Er berichtete außerdem von seiner Ankunft in Sternhammers neuster Wirkstätte am Keilerstein und warum er sich für diesen Schritt entschieden hatte. Die Dorfleute der Umgebung gaben ihm zu verstehen, dass die Ärzte von dort „so furchtbar unbürokratisch“ seien und viel für die Bevölkerung der Umgebung tun würden. Dafür taten sie dem Doktor und seinen Helfern so einige Gefallen – es war ein Geben und Nehmen. Am Ende erzählte Holger noch, warum er für Christians Buch Bilder beigesteuert hat: „Ich mag kleine gruselige Bücher, wo langsam stilvoll eine Atmosphäre aufgebaut wird.“ Als letzten Anreiz für Interessierte verriet Holger noch: „Es gibt Nippel in dem Buch.“ Na, wenn das nicht auch noch den Letzten zum Kauf überredete, weiß ich es auch nicht.

Anja Bagus

Ich wechselte zur zweiten Leseinsel Phantastik, denn hier stand nun eine meiner Lieblingsautorinnen auf dem Plan – Anja Bagus hatte „Erlösung“ im Gepäck, das „Ende einer ganzen langen Reihe“, die mit „Ruhelos“ und „Wachsam“ schon einiges an Vorgeschichte geboten hatte. Wieder einmal nahm sie den Leser mit in die von ihr erschaffene Aetherwelt, wo grüne Nebel entweder als Energiequelle dienten oder aber für Veränderungen bei Mensch und Tier sorgten. Das nun vorliegende Werk spielte 1913, wo es immer noch darum ging „Veränderte wegzusperren“. Sie beschrieb die Szenerie als „gemäßigten Steampunk“ in Köln, wo Untote rund um den Dom Wache schoben und niemanden in den Dom hinein ließen. Wenn die Untoten gerade nicht aufpassten, wurden sie von den Wasserspeiern des Bauwerkes bewacht. In dieser Welt gab es aber auch das Amt für Aetherangelegenheiten bei dem unter anderem Helena Teufel arbeitete, zusammen mit ihrem veränderten Hengst Luzifer. Helena selbst war auch verändert, denn sie war „superheldenstark“. Auf dem Amt, für das sie arbeitete gab es so etwas wie Routine nicht, denn zum Beispiel arbeiteten dort auch Geister und andere Wesen. Das „Teufelsweib“ sollte als Beschützer für einen Politiker arbeiten, was sie zwar nicht gern machte, aber Befehl war Befehl. In einer anderen Szene trafen wir Helena bei sich daheim, wo sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter gemeinsam beim Frühstück saßen. Dabei diskutierte sie mit ihrem Gatten die Situation im Viertel, denn immer mehr Ladengeschäfte wurden geschlossen und was dafür wohl die Ursachen seien. Wie Anja das Ganze vortrug, war absolut lebhaft und ausdrucksstark – ich hätte ihr noch ewig lauschen können. Und selbstredend habe ich das Buch mit nach Hause genommen – wollte ich doch auch der Ende der Geschichtenreihe durchschmökern. Und ihr?

Damit war der zweite Messetag für mich vorbei und ich machte mich auf den Weg zu einer abendlichen Lesung in der Innenstadt, doch dazu an anderer Stelle mehr.

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Autor & Photos: Scratchcat

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