Lesung im Darkflower: Phantastisch – Nordisch – Bizarr 25.03.2017 Darkflower Leipzig

Unter dem Motto „Phantastisch – Nordisch – Bizarr“ veranstaltete der Verlag Edition Roter Drache auch in diesem Jahr zur Leipziger Buchmesse, genauer am 25.03.2017, wieder eine Lesung im Darkflower – im Herzen Leipzigs. Tolle Autoren hatten sich angesagt und dieses Mal übernahm ich vor Ort den Part der Moderation. Entsprechend aufgeregt kam ich im Kultclub an, um die Autoren und Clubbesitzer Marko zu begrüßen. Da Verleger Holger selbst noch auf der Messe seinen Stand betreuen musste, übernahm eine Freundin für ihn.

Alex Jahnke

Langsam füllten sich die Stühle mit Lesefreunden und dann konnte es mit dem Autor aus „Hessisch Montana“ losgehen – Alex Jahnke. Er begrüßte die Zuschauer mit den Worten: „Ihr könntet wilden Sex auf dem Wohnzimmerteppich haben – ihr habt euch aber für Kultur entschieden.“ Er hatte damit die Lacher schon auf seiner Seite. Für diesen Abend hatte er eine Geschichte vorbereitet – „Neuschwabenland gegen Reichsbürger“. Darin lasen die Bewohner von Neuschwabenland in der Zeitung von Reichsbürgern – genauer der Adjutant, der dann seinen Assistenten heranzitierte, um diese anzuschreien. Der Standpunkt „Verrückte hat es schon immer gegeben“ stimmte zwar, doch mittlerweile war wohl alle total bekloppt, so die Meinung des Vorgesetzten. Auch diese so genannten „Fake News“ würden das Problem nur noch verschlimmern. Er stellte dadurch fest, dass auch andere Nationen Kontakt zu den Aliens hatten – so sei etwa Trump ein Vertreter der Extraterristrischen. Der Assistent wurde auf Außeneinsatz geschickt – doch dieses Mal solle er vorsichtiger sein, schließlich habe er das letzte Mal diesen furchtbaren Hipster- und Vinyl-Trend ausgelöst. Auf diesem Einsatz fand er mehrere Reichsbürger-Chefs. Alle Versprechen der Aliens hätten sich bisher nicht erfüllt – oder etwa doch, wenn nur der Blickwinkel etwas anders sei? Was machten sie nun mit dieser neuen Bewegung?

Alex Jahnke

Was daraus wurde, verrate ich nicht. Alex hatte dann noch einen Ausschnitt aus dem neusten „Neuschwabenland“-Buch dabei. Hier erklärte er, dass „Unpünktlichkeit für einen Deutschen schon rein genetisch nicht möglich“ sei. Nur was seien dann Lieferdienste? Diese „biegen nicht nur die Zeit, sondern auch den Raum“. Handwerker sind da ähnlich. Und dann trafen wir auf einen Vertreter der Neuschwabenländer, der selten dämlich war – „nur selten kann man natürliche Selektion in freier Wildbahn antreffen“. Er hatte einen neuen Mülleimer, der kleiner als der alte war und so überlegte er: „Wie soll ich jetzt den alten entsorgen?“ Diese kleine Episode hatte der Autor einst von einem realen Kollegen entlehnt – ein echter Brüller! Es ging weiter mit recht amüsanten kleinen Episoden aus den Tagebucheinträger des Buches – etwa stellte der Schreiber fest, was „mit 20 noch ein Kater“ gewesen war, nennt sich „mit 30 Vormittag“. Wir haben sehr gekichert. Doch schnell war die Lesezeit von Alex vorbei – der Beifall war super.

Selina Haritz

Weiter ging es dann mit Selina Haritz, die ihre Lesung mit einem Nietzsche-Zitat begann, was das erste Kapitel einleitete. Sie las uns aus ihrem Werk „Traumdealer am Abstellgleis“, in dem wir sogleich auf den Hauptdarsteller trafen – einen Teddybären, der alle Träume verloren hatte und mit Freunden und vielen Drogen im Dreck der Gesellschaft lebte. Seine Tüte klemmte in den Gleisen der U-Bahn fest und im letzten Moment rettete er noch das Osternest aus der Tüte, denn dieses enthielt „eine ganze Wochenration Schokolade“. Doch neben der Schokolade fand er auch eine Stoffhäsin mit einer Glocke um den Hals, in die er sich sogleich verknallte. Weil sie allein war, nahm er sie zu seinen Freunden mit. In Kapitel zwei, das ebenfalls mit einem Zitat begann, erfuhren wir, dass nicht nur Schokolade ein Genussmittel war, auch Honig oder Zuckerwatte wurden für Rauschzustände benutzt. Einen Trip auf Zuckerwatte konnten wir so mit verfolgen – irre und nicht zum Nachmachen empfohlen! In Kapitel 3 träumte der Teddy von seinem Haus an einem Honigsee.

Selina Haritz

Wieder erwacht lernen wir seinen Kumpel „den Braunen“ kennen, der ihn mit einem Schuss Zitronenlimo ins Gesicht weckte. Die Häsin sei „eine Aussteigerin“, die „aus Zwängen der Konsumgesellschaft geflohen“ ist. Sie ist jedoch etwas naiv und denkt anfangs, dass die Stofftiere nur zum Camping im Untergrund sind. Es ist aber eher eine Kolonie der Verstoßenen, die sich selbst als „Misantrophe“ sehen. Einst hatten sie in der Überflussgesellschaft gelebt, doch dann: „Sie werfen uns weg.“ Sie versteckten sich nun hier, denn „alle Freunde haben schon ihr letztes Ticket bekommen“ – sie waren also gestorben. Teddy war die ganze Zeit über zu feige, der Hasendame seine Gefühle zu gestehen. Dann machten sie sich auf den Weg zu einer Dealerin und trafen auf dem Weg auf Ratten – ihre Feinde im Untergrund. Es war dramatisch und Aussteiger sind keine Helden. Das Ganze machte mich echt traurig. Wie kann es so weit kommen, dass Stofftiere sich mit Süßigkeiten zudröhnen müssen? Das kann ich nicht akzeptieren. Das weitere Schicksal von diesem Teddy könnt ihr bei Selina nachlesen – hoffentlich geht es gut für ihn aus.

Robin Gates

Nach kurzer Pause konnten wir uns auf Robin Gates freuen, der für uns seine „Feuermuse“ im Gepäck hatte. Der Feuergeist Elára will eigentlich gern ein Mensch sein und trifft auf David, der in eine alte Villa einbricht – das Haus eines alten Magiers. Dort wird er durch einen Zufall in eine Spiegelwelt gezogen, wo er allerlei Abenteuer bestehen muss. Gemeinsam suchen David und Elára einen Ausweg und versuchen in die Mitte des Hauses zu kommen, wo sie wieder zu Menschen werden könnten. Unterwegs treffen sie auf Waliser, die denken, sie seien in einem Feenhügel – sie wissen nicht, dass sie nur in einer Spiegelwelt sind. Es ist ein Gefängnis für sie alle, doch da sie nicht wissen, wo sie wirklich sind, fühlen sie sich wohl – außer eben unsere Hauptdarsteller. Bei den Walisern konnte das Duo an einem Türsteher für einen Club der Anderswelt vorbeikommen, doch dann fallen sie doch auf – David ist zu nervös und es wird erkannt, dass sie „etwas zu verbergen“ haben.

Robin Gates

Dennoch mischen sie sich unters Volk – eine Party steigt und viel Ale fließt. Sie futtern sich durch – „Nun hängt mir der Magen in den Kniekehlen und das ist schlecht für die Beine.“ Der Feuergeist allerdings isst nicht, denn sie kennt keinen Geschmack. Für David ist das Ganze „so unwirklich wie ein Historienfilm“. Der Lord der Waliser feiert an diesem Abend die Geburt seines Sohnes und „anders als beim Oktoberfest“ findet zu dieser Gelegenheit ein Geschichtenwettbewerb statt. Ein berühmter Barde beginnt und fasziniert alle mit seinem Lied – sie fühlen sich regelrecht berauscht durch die Melodie. Doch es gibt Herausforderer – wie das aber ausgeht, kann ich nicht sagen. Das lässt Robin bei dieser Lesung offen – Neugier ist geweckt und einige Bücher wurden am Stand des Verlages verkauft. Gut gemacht!

Luci van Org

Thematisch gab es dann einen krassen Sprung – von neuen Sagen zu ganz alten. Luci van Org stellte ihr neustes Werk „Die Geschichten von Yggdrasil“ vor – eine „umgangssprachliche Edda“. Sie hat sich dafür durch die Originaltexte und Übersetzung gekämpft, die alle in Stabreimen formuliert sind. Ihre neue Version ist dadurch also absolut wissenschaftlich haltbar und „frei von rassistischen“ Inhalten. Sie hofft, dass „braune Arschlöcher“ in Zukunft die Finger von der Edda lassen würden, wenn sie so nun verstehen, was eigentlich damit gemeint sei. Luci erklärte uns, dass Germanen ja eigentlich total gastfreundlich waren und es sei auch so: „An Gottheiten glaubt man nicht, man opfert ihnen.“ Deswegen schenkte sie ein kleines Glas Likör ein, dass sie den Göttern opferte – es wurde also nicht getrunken, denn es war ja für die Gottheiten – das sei „eine Art Anrufung“. Und um das noch abzurunden, sang sie ein kurzes Lied – „Tretet ein“. Das war absolut toll! Hiernach tauchten wir in die Geschichte von Odin ein – dem Gott der Extase und des Dramas. Einst war er an die Quelle der Weisheit gereist und stritt mit dem Riesen Mimir. Odin berichtet davon, wie sich die Urschlucht von Niflheim nach und nach mit Eis füllte und die Feuer von Muspellheim dieses Eis schmolzen. Daraus entstand ein riesiges Wesen – Ymir. Aus dessen Schweiß bildeten sich die „Urahnen aller Riesen“.

Luci van Org

Dann waren auch Odin und seine Brüder auf der Welt und es kam zum Kampf mit Ymir – „Kannst du dir vorstellen, was das für eine Riesensauerei war?“ Im Blut des erschlagenen Urwesens ertranken fast alle Riesen und aus dem Kadaver Ymirs wurde die Welt gebaut. Was mich an dieser Stelle dann beeindruckte, war, dass die Autorin die entstandenen Völker und viele komplizierte Zwergennamen aufzählte, ohne auch nur einen Knoten in der Zunge zu bekommen. Dafür erhielt sie auch einen Zwischenapplaus. Auch verriet sie an dieser Stelle, dass die Namen der Zwerge bei Tolkien eben nicht dessen Erfindung waren, denn es gab sie fast alle schon in der Edda. Schließlich machten wir einen Sprung und Luci zählte noch einige Beispiele der Lebensregeln für Heiden auf – etwa: „Es gibt keine Sünde im Heidentum“, „Sei nicht blöd“, „Schaue nach Notausgängen“, „Erst zuhören, dann denken, dann reden“ oder auch „das Lob von Idioten ist nichts wert“. Diese Ratschläge waren allesamt sehr sinnvoll und sollten von uns allen beherzigt werden. Welche das insgesamt sind – schaut einfach im „kleinen Familienbuch der nordischen Sagen“ nach. Es lohnt sich!

Christian von Aster

Der nächste im Lesungs-Bunde war schließlich der Kultautor Christian von Aster, der hier kurz Station machte auf seiner „exzessiven Buchmessereise“, und dieses Mal hatte er ein Kinderbuch in petto. In „Ausflug mit Frau Runkenrettich“ lernten wir Egon kennen, der auf einem Klassenausflug in einer Kirche aus Versehen in einen Lüftungsschacht fiel. Er landete aber weich, denn er war in einen Geburtstagskuchen gefallen – den von Kati, die mit ihrer Familie hier unten in den Grüften lebte. Sie nahm Egon einfach mit zu sich nach Hause – dabei hatte sie einen kleinen Sarg auf Rädern, den sie hinter sich her zog, und in dem eine kleine Mumie lag. „Kati hatte komische Freunde.“, denn sie trafen noch mehrere Mumien, denen Kati alle Namen gegeben hatte. Das Geburtstagskind lud den verwirrten Jungen zum Essen ein. So sah Egon viele bunte Särge, die ihr Vater, der Sargflicker, reparierte. In der Gruft der Familie hatte jeder sein eigenes Zimmer – auch Kati – und beleuchtet wurde alles durch Kerzen, die sie „von der Kirche“ klauten. Sie waren „eben arm“, das machte aber nichts. Sie lebten auch lieber hier unten, denn „Lebende sind manchmal bisschen komisch“. Deswegen gingen sie nie raus. Nach einem leckeren Essen ging Egon dann aber wieder – „Vielleicht magst du mal wiederkommen“. Als Geschenk nimmt er Sissi, die kleine Mumie von Kati, mit und wird so von der verzweifelten Frau Runkenrettich, seiner Lehrerin, gefunden.

Christian von Aster & Dimitar Stoykow jr.

Das Kinderbuch kam echt super an und Christian stellte uns auch noch den Zeichner des Buches, Dimitar Stoykow jr., vor. Dimi verriet kurz, dass sie das Werk zusammen in drei Monaten ins Leben gerufen hatten und seine Frau cosplayte sogar an diesem Tag die Frau Runkenrettich – sie trug tatsächlich ein blaues Kleid mit weißen Punkten, wie die Lehrerin im Buch. Zum Abschluss des Lesungsteils von Herrn von Aster stellte uns selbiger noch einige ausgestorbene Tiere vor. Diese waren einst so ausgestorben, „dass es sie möglicherweise nie gegeben hat“. Die „Krakalake“ und die „Dobermaus“ wurden lauthals belacht und auch der „Lustmolch“ kam sehr gut an beim Publikum. Als krönendes Highlight gab uns der Autor noch eine „Kleine Gute-Nacht-Geschichte“ zum Besten, wo Elfen, Gnome und Bolde viel Spaß bei einer Party hatten, denn selten hatte einer eine gute Nacht, wenn er schlief. Recht hatte er!

Axel Hildebrand

Last but not least hatte sich nun noch Axel Hildebrand etwas für die Anwesenden ausgedacht. Sein neuestes Buch „SOKO Bizarr“ im Gepäck verriet der Berliner Autor, dass es Spaß macht, „auch mal Sachen zu schreiben, die man nicht als Bilder sehen muss hinterher“. Damit meinte er, dass er ja normalerweise Drehbücher schrieb – die Geschichten in diesem Buch waren aber einfach zu abgefahren, um je gedreht zu werden. Wir hörten dann eine Geschichte, in der ein Mann mit einer Mitfahrgelegenheit unterwegs war – „Social Media auf Rädern“, denn er fuhr mit vier Fremden durch die Republik. Doch viel war da nicht mit Social Media, denn im Auto wurde nicht miteinander geredet – eher hatten alle ihr Handy vor dem Gesicht und posteten etwas oder lasen Beiträge im Netz. „Alles wäre besser als diese Stille“, dachte sich unser Mann und so versuchte er, Gespräche anzuregen, was allerdings nicht so ganz klappte. Deswegen rastete er aus, „weil er es spannend fand, was dann passiert“. Doch auch das half nichts. Es wurde sich nur in Tweets über ihn aufgeregt. Doch die Stille ließ in ihm die Angst aufsteigen und so musste er dringend etwas gegen die Angst tun – denn aus Angst wurde Wut. So verursachte er einfach einen Unfall und überlebt diesen als Einziger – Krass! Wie es mit ihm weiterging – lest es selbst nach.

Axel Hildebrand

Die Geschichte „Feuer“ war dann noch eine Spur abgedrehter. Namentlich war hier Verleger Holger als Täter in der Story gelandet. „Feuer ist gerecht“ und „Wenn man Feuer legt, hilft man der Gerechtigkeit nach“. Das klang schon irre und es wurde noch wilder. Melanie wartete auf ihren Bus und sah dann den Brand einer Scheune. Um die Anwohner zu warnen, klopft sie diese wach. Holger öffnet ihr und lässt sie ein. Er erzählt ihr von seiner Familie, die einst durch einen Brandstifter ums Leben gekommen war – „Ich will Rache.“ Melanie bekommt allmählich Angst, denn sie bekommt mit, dass Holger die Scheune angezündet hat – mit einem Gasbrenner, den er auch wieder abdrehen kann. Auch lässt er sie nicht weg – er betäubt sie und als sie wieder wach wird, liegt sie gefesselt und nackt auf einem Bett. In einer Ecke entdeckt sie viel Asche und zahlreiche menschliche Knochen – sie war wohl nicht sein erstes Opfer und dann lodern die Flammen. Ich hatte eine Gänsehaut – wer denkt sich denn bitte so etwas aus? Ja, genau – Axel Hildebrand, der uns zum Ende einen Ratschlag gab: „Wenn es brennt – rennt in die andere Richtung!“

Das war dann mal ein wahnsinniger Abschluss eines sehr abwechslungsreichen und tollen Leseabends im Darkflower Leipzig. Mir hat die Moderation viel Freude gemacht und die Autoren hatten mächtig Spaß. In diesem Sinne möchte ich Verleger Holger Kliemannel für diese Chance danken und freue mich schon jetzt auf eine Fortsetzung – sehen wir uns dann auch das nächste Mal im Darkflower?

Autor & Photos: Scratchcat

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