Lesung im Noels Ballroom: Auf fremden Pfaden 24.03.2017 Noels Ballroom Leipzig

Isa Theobald hat mit „Auf fremden Pfaden“ eine neue Anthologie herausgebracht, in der Autoren aus dem Fantasy-Genre sich darauf eingelassen haben, eine Geschichte im erotischen Stil zu schreiben. Erschienen ist das Buch beim Verlag Edition Roter Drache. Und eben dieses neue Werk wurde am 24.03.2017 in Noels Ballroom in Leipzig im Rahmen einer umfassenden Lesung vorgestellt. Der Pub hätte als Location für diese Gelegenheit nicht passender sein können. Der Raum mit der Bühne war recht gemütlich und an einer Wand schauten von einem Balkon sogar die Herren Waldorf und Statler, bekannt aus der Muppet Show, zu. Bevor es losging, erklang tolle Musik – ich fühlte mich sehr wohl.

Christian von Aster

Die Herausgeberin des Werkes begrüßte dann die Anwesenden: „Schönen guten Abend – meine Fresse ist das geil.“ Sie war wohl recht beeindruckt, dass alle Sitzgelegenheiten belegt waren. Weil fast alle im Buch enthaltenen Autoren an diesem Abend einen Teil ihrer Geschichte vorstellen wollten, ging es rasch zur Sache und jeder hatte nur etwa 10 Minuten für seinen Lesepart Zeit. Den Anfang machte „mein persönlicher Held“, so Isa – gemeint war Christian von Aster, der hier in Leipzig quasi sein „Heimspiel“ gab. Christian versprach dann direkt, dass seine Erzählung „weder lustig noch kranker Scheiß“ sei. Als er gefragt wurde, ob er mitmachen würde bei dieser Anthologie, habe er gern zugesagt. So stellte er uns Barabas vor, der im Rollstuhl saß. Sein 60 Jahre alter „unnützer Körper“ war ihm zuwider – einst war er die Nacht, war Onyx. Dann trafen wir auf eine Frau, die in einem Buch las, dass „sie die Nacht lehrte“. Schließlich war „aus der Nacht die Nacht entstiegen“, um ihr die Begierde zu lehren. Die Nacht verführte sie dazu, ihre tiefsten Träume auszuleben. Träumte das Barabas nur oder kannte er diese Frau einst? War er Onyx – das Ganze war recht geheimnisvoll und am End kam Onyx zu ihm – war es etwa der Tod? Ich habe es nicht ganz ergreifen können – am besten, ihr lest es noch einmal in dem Buch nach. Christians Leseart gefiel mir zwar wie immer, aber so ganz hab ich nicht verstanden, wer nun was war in der Geschichte.

Axel Hildebrand

Als nächster übernahm Axel Hildebrand den Platz am Mikrofon. Er hatte sich für seine Story überlegt, „was passiert, wenn Aliens Frauenzeitungen lesen würden“. Als kleine Vorwarnung meinte er noch scherzhaft, dass er „verantwortlich“ sei für den „kranken Scheiß“ im Buch. Und mit den Worten: „Ich befürchte, es ist vorbei mit der Kultur“ legt er los. Wir lernten Vivien kennen, die gern isst – am liebsten mochte sie es, den „Genuss ewig auszukosten“. Sie hasste Regeln, vor allem bei Dates, die ja eher nach amerikanischem Modell ablaufen würden. Doch einmal hat sie Glück – sie hat eine Verabredung mit Boris – einem Diabetiker. Leider erlitt er während des Essens einen Zuckerschock – er hatte sich wohl verrechnet mit seinem Insulin – und sie zögert aber, den Notruf zu wählen. Sie ist ja eine Genießerin und er riecht so gut. Erst hadert sie mit sich, denn „man kann doch keinen Schweiß von Komapatienten ablecken“, doch dann versucht sie es und es ist ganz toll. Sie kostet es in aller Ausführlichkeit aus – doch was dann noch passiert – dafür war leider keine Zeit mehr an diesem Abend. Ich wurde immer neugieriger auf das Buch. Was sollte da noch kommen?

Anja Bagus

Die dritte im Bunde war dann Anja Bagus, die es als „fies“ empfand, „nach Christian und Axel zu lesen“ – sie könnte an dieses hohe Niveau nie herankommen, meinte sie. Doch dann überwand sie sich und so trafen wir auf Silia, die einen heißen Traum hatte. Nach dem Erwachen beschloss sie, dass es an diesem Tag endlich so weit sein würde. Allen verkündete sie, dass sie an diesem Abend endlich Sex haben würde mit ihrem Erwählten, doch „Pferde sind nichts für mich“. Wer oder was war sie? Ihre Eltern rieten, wer denn der Glückliche sein würde, doch sie trafen nicht ins Schwarze. Anja lebte ihren Text beim Lesen – in Form von Gestik, Mimik, Geräuschen oder aber sie zeigt kleine Handlungen aus der Geschichte – großartig.  Silia war sehr aufgeregt und viele Männer traf sie auf ihrem Weg an diesem Tag, doch zu allen sagte sie: „Ihr seid es nicht.“ Doch wer sollte es werden? Und wieso wurde Männer erst zu Männern, wenn sie vorher noch Tiere sind – sehr mysteriös. Und wieder war dann schon die Lesezeit vorbei – verdammt aber auch – immer wenn es am spannendsten wurde.

Sandra Baumgärtner

Weiter ging es dann mit Sandra Baumgärtner, die „für den nekromantischen Teil des Abends zuständig“ war – schließlich „geht es um das Ende“ in ihrem Buchbeitrag. Pierre kümmert sich um Tote – er begleitet sie auf ihrer „letzten Reise“ – als Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens ist das auch sein Job. Frieda ist seine recht resolute Chefin, die das alles eher pragmatisch sieht – sie steht auf dem Standpunkt: „Wir verscharren Leichen.“ Er mache die Drecksarbeit und richtet die Toten nur her, doch er führte seine Tätigkeiten mit Leidenschaft aus. Einst traf er Seraphina – seine Liebste, die „die Lebendigste“ von allen war. Sie ist immer gut zu ihm und er ist „so wertvoll“ für sie. Doch, wer genau sie ist oder war – ich konnte es leider wieder einmal nicht ergründen, denn Sandra machte an dieser Stelle Schluss und für alle Zuhörer gab es eine kurze Pause.

Sonja Rüther

Nach einer kurzen Erholung gab nun Sonja Rüther ihren Beitrag zum Besten. Das Ganze spielte im Rahmen einer Zombieapokalypse in einer Westernszenerie. Mary verweste schon ziemlich, dennoch reitet sie mit ihrem Liebsten durch die Prärie und sie knutschen dabei. Auch zum Sex kommt es, während das Pferd weitertrabt. Doch dann wurde ihrem Liebsten etwas klar – als sie zum Höhepunkt kommen, dachte er bei sich: „Im selben Moment begriff ich, dass ich ein toter Mann war.“ Sie zerfiel nach dem Akt gänzlich und auf einmal ekelt er sich vor ihr. Nur die Begierde hat ihn über die Verwesung hinwegsehen lassen. Wurde er durch den Akt selbst zum Zombie? Was war mit ihm geschehen? „Vielleicht gibt es die Hölle ja gar nicht.“ Oder war er schon mittendrin? Wenn ihr mehr wissen wollt, solltet ihr es in der Anthologie nachschmökern.

Alex Jahnke & Selina Haritz

Nun kam es zu einer Doppellesung – Alex Jahnke und Selina Haritz nahmen gemeinsam am vorderen Bühnenrand Platz und entführten uns in einen „Film noir im Bombay der 1930er Jahre“. Er war Mister Clarke, ein Privatdetektiv, der von einer attraktiven Frau, Sybill, Besuch bekam – nachts. Sie sagte zu ihm: „Sie schlafen mit mir“, doch er zögert. „Sie wollen mehr Geld? Es ist wirklich eilig. Es kommt zu einer Katastrophe, wenn sie keinen Sex mit mir haben.“ Was sollte das denn bedeuten? Er kann sich nicht so recht durchringen, dieser dringenden Bitte nachzukommen, als plötzlich ein riesiger Dämon auftaucht. Sybill und dieses Biest liefern sich einen erbitterten Kampf, den schließlich die Frau gewinnt – und dann möchte sie immer noch Sex mit dem Detektiv. War dieser Dämon denn schon die angedrohte Katastrophe oder kommt da noch Schlimmeres? Ob sich Clarke noch überwunden hat oder nicht, blieb leider an diesem Abend im Noels Ballroom offen.

Silke Lindenberger

Silke Lindenberger riet uns als Nächste: „Man soll immer aufpassen, wen man in sein Bett lässt.“ Was hat sie denn damit gemeint? In ihrer Geschichte kamen wir dazu, wie ein Pärchen Sex hatte und sie dachte: „Er musste ein Engel sein“. Im Anschluss geht es ihr aber nicht so gut und sie hustet Blut. Sie lässt es ihren Liebsten aber nicht merken und versteckt es vor ihm. Für ihn ist sie die „Frau mit den Husky-Augen“. Mitten in der Nacht verlässt sie ihn aber und geht für immer von ihm. Dies wiederholt sich immer wieder – irgendwie ist der Sex für sie ein Ritual – doch zu welchem Zweck? Immer wieder verführt sie Männer und nach dem Akt verabschiedet sie sich für immer: „Schlaf gut Geliebter“. Wer ist sie? Verflixt – ich war so neugierig – und wieder war die Lesezeit zu Ende.

Lena Falkenhagen

Mit Lena Falkenhagen begaben wir uns im Anschluss in die Orientalik. Es gab eine „Parabel“ auf die Ohren, die erklärte, „wie man Kriege auch gewinnen kann“. In Indien erreicht ein Krieger einen Palast und dort wird er mit den Worten „die Herrin erwartet euch“ begrüßt. Er ist ein leitender Krieger der Armee des örtlichen Kalifensohns. Eine Dienerin des Palastes machte ihn ziemlich an, doch eigentlich wollte er sich ja mit der Herrin des Gegners in diesem Krieg treffen. Schließlich hatte sie ihn ja auch eingeladen, um etwas zu verhandeln. Er hatte aber beschlossen: „Die Macht einer Frau wird mich nicht von meinen Pflichten abhalten.“ Die bildhafte Sprache von Lena war echt toll und ließ uns in die Geschichte eintauchen. Die Herrin des Gegners hatte Hörner und Hufe – was war sie? Bei einem gemeinsamen Essen wurde dem Krieger auch ein Nachtisch mit Geheimnis serviert – doch in diesen Genuss kamen wir leider nicht mehr – blöde Zeitbegrenzung.

Mario Steinmetz

Nun kam ein weiterer Autor zum Zuge – Mario Steinmetz „schreibt Horror und das ist gut“. Die Story solle wohl „abschreckend und widerwärtig“ sein – wir waren gespannt. Ein Mann kam heim und stieg aber nicht aus seinem Wagen aus – eher trank er dort einen Whisky. Seine Frau Louise blieb im Haus und begrüßte ihn nicht. Er war für sie „ein Krieger“, der die Außenwelt in Schach hielt. Das Haus sprach mit ihr, doch seitdem das so ist, fühlt sie sich unwohl. Einst hatte er diese Behausung für sie gebaut oder genauer umgebaut. Sie kann gar nicht nach draußen. Sie haben Sex miteinander, doch sie fühlt sich dabei „vom verborgenen Beobachtern“ ausgespäht. Die unsichtbaren Stimmen berichten ihr von der Freiheit und kommen ihr immer näher. Sind es Käfer oder was bedeutet all dieses Kratzen und Krabbeln? Sie wird ganz erfüllt davon – doch was dann? Mich erinnerte diese Geschichte sehr an den Fall der Kampusch, die eingesperrt war und niemanden hatte, mit dem sie reden konnte – ob es hier auch so war – die Pause der Lesung brachte die Unterbrechung und wieder musste ich meine Neugier erst einmal hinhalten.

Germaine Paulus

Die letzte Runde der Lesung eröffnete schließlich Germaine Paulus, die eine „eher wehmütige Geschichte“ vorbereitet hatte. Sie nahm uns mit in eine Zeit nach der Apokalypse, wo alles wahrlich ausgetrocknet war. Wir trafen eine Frau, die die Tage seit ihrem „letzten Fick“ zählte – schließlich gab es so gut wie keine Lebenden mehr. Das Gebiet um München war seit „einem Angriff“ längst eine Quarantänezone und sie zog allein durchs Land und trifft – niemanden – zumindest „keinen Menschen“. Christoph war der Letzte, den sie hatte – sie dachte zurück an die „alte saubere Welt“. Schlussendlich kam es zum „High Noon in Niedersachsen“ – sie wird angeschossen von einem Mann, der schließlich über sie herfällt und die beiden Sex miteinander haben – mitten im Dreck auf der Strasse. Das Ganze sei „ein ungewaschenes Loblied auf die Schöpfung“. Doch beide sind sie durch den Schusswechsel verletzt – und so sterben im Akt die letzten beiden Menschen – oder doch nicht? Lest es am besten selbst nach.

Ann-Kathrin Karschnick

Mit Ann-Kathrin Karschnick gab es nun „eine freche Geschichte“ zu hören. Die Autorin verriet, dass sie ihre erotischen Stories normalerweise unter einem Pseudonym veröffentlichen würde – doch für das Buch hat sie eine Ausnahme gemacht. Sie habe das Werk einen Tag vor Deadline geschrieben – das Ergebnis las sie uns vor. Ihre „Freundin Steffi“ hatte ihr Männerbild aus „Twilight“ und wartete immer darauf, auf ihren „Jake“ zu treffen. Sie suchte für ihre Freundin einen und den fand sie auf einer Kaufhaus-Toilette. Er hat so tolle Grübchen, auf die Steffi so „bei Männern“ steht. Die beiden werden verkuppelt, aber auch sie selbst ist an diesem Mann interessiert. Heimlich verabreden sie sich, denn er hat neben den Grübchen alles, was sie anmacht – „Humor, Hintern, Höflichkeit“. Wie diese Dreiecksgeschichte wohl ausging – das blieb wieder einmal offen.

Isa Theobald

Und dann war endlich die Herausgeberin des Werkes „Auf fremden Pfaden“ an der Reihe, denn auch sie hatte eine Erzählung beigesteuert. Darin lernte das Publikum des Abends Sandrin kennen, der zu einem Ritual ging – obwohl er kein Mädchen war. Er ging trotzdem durch mehrere Stadttore hin zum Tempel – in den Tod. „Seine Zeit läuft ab, damit ihre Zeit weitergehen konnte“. Immer wieder wurden Mädchen ausgelost, sich zu opfern und nun eben auch Sandrin. Er wollte sich für seinen Freund opfern, der im „Drachenatem-Schlaf“ lag. Durch sieben Stadtringe war er schon gelaufen hin zum Labyrinth, das den Tempel umgab. Doch was da geschah, „kann ich euch aus dramaturgischen Gründen an dieser Stelle nicht verraten“. Wir mussten es wohl selbst nachlesen.

Luci van Org

Den krönenden Abschluss dieses Leseabends bildete schließlich Luci van Org. Ihre Geschichte „spielt in der Stadt, die Leipzig am meisten hasst – in Berlin“. Nick hält sich oft in der U-Bahn auf und schaut dort nach besonderen Menschen – den „Unverbrauchten“ – Männlein und Weiblein. Er hatte diesen „Blick, der wie weichgezeichnet“ war und lächelt die Damen an. Diese lassen sich von ihm umgarnen und so nimmt er sie mit. Nick hatte eine auffällige Persönlichkeit – er war „wie ein Engel“. Seine „Opfer“ führte er in die Königsheide – in den Wald, im Dunkeln. Dort beginnen seinen Augen rot zu leuchten. Das Ganze ist gänzlich unwirklich und so verführt er die „Entführten“. Dabei verlieren diese ihre Seele – wie, das solltet ihr am besten im Buch nachforschen, denn an dieser Stelle war die Lesung leider zu Ende.

Isa Theobald verabschiedete sich sichtlich zufrieden mit einem „Vielen Dank“ und „Ich hoffe, wir sehen uns wieder“. Na, aber ganz bestimmt! Dieser Abend bot so viele verschiedene Geschichten, die alle irgendwie einen erotischen Kern hatten – das war schon recht heiß. Und vor allem war ich nun mehr als neugierig auf all die Erzählungen. Ihr auch? Na dann kauft euch diese besondere Anthologie und macht es wie ich – schmökert euch durch und erlebt eine tolle Zeit. Vielen Dank für die schöne Lesung und bis bald an alle Beteiligten!

Autor & Photos: Scratchcat

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