Lesung im Noels Ballroom: Von Göttern, Einhörnern, Sherlock Holmes und der Psychiatrie 23.03.2019 Noels Ballroom Leipzig

Auch der Samstag der diesjährigen Buchmesse in Leipzig bot am Abend ein reichhaltiges Angebot an Veranstaltungen. Mich zog an diesem 23.03.2019 in Noels Ballroom im Herzen von Leipzig, denn hier sollte eine Lesung stattfinden, auf der ich nicht nur einige Freunde treffen konnte, sondern es wurden auch tolle neue Bücher aus dem Verlagsprogramm der Edition Roter Drache vorgestellt. Die jeweiligen Autoren waren angereist, um ihre frischen Zeilen selbst vorzulesen.

Christian Krumm

Also suchte ich mir einen Sitzplatz in dem Saal mit der schicken Bühne und Waldorf und Stadler als Zuschauer an der Wand. Isa Theobald begrüßte die Anwesenden mit den Worten: „Herzlich Willkommen zum Leseabend der Edition Roter Drache“. Und den Anfang machte „der wunderbare Christian Krumm – du hast 25 Minuten, nutze sie weise“. Der Essener Autor hatte sein neustes Werk „Heaven 11“ dabei – einen „Psychiatrie-Roman“. Auch er begrüßte die Zuschauer zunächst und verkündete, dass er etwas nervös sei, ob des „respekteinflößenden Raums“. Die Idee zu diesem Buch kam Christian, weil er einst vor 20 Jahren als ungelernter Pfleger in einer Psychiatrie gearbeitet hat. Die nun aufgeschriebene Geschichte sei zwar ausgedacht, aber die Station gibt es tatsächlich. Seine Hauptfigur ist Marc, ein Banker, der wegen Überforderung und Burnout nicht mehr arbeiten konnte. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er in einer Psychiatrie, doch eigentlich will er wieder zurück in seinen alten Job. Dafür benötigt er aber eine Bescheinigung, dass er mental gesund ist. Dagegen spricht, dass er nachts immer noch dieses merkwürdige Kratzgeräusch hört, das sagt er aber natürlich keinem Menschen. Christian las uns eine Szene vor, in der Marc einen der Insassen der Station um Rat bittet, wie er denn in der Untersuchung für die notwendige Bescheinigung gesünder erscheinen könne, als er sich fühle. Der Schizo, mit dem er dieses Gespräch führt, wünscht sich aber die ganze Zeit nichts sehnlicher, als wieder fixiert zu werden, damit er auch wirklich niemanden angreifen kann. Außerdem ist dieser der Meinung: „Depression passt nicht zu Ihnen.“ Die verschiedenen Charaktere las der Autor auch mit unterschiedlichen Stimmen, was Flair in die Szene brachte. Ein anderer Patient, der in dem Ausschnitt auftaucht, hat kein Kurzzeitgedächtnis mehr und jeder zweite Satz ist: „Kann ich noch eine Zigarette kriegen?“ Das sorgte für Lacher im Publikum. Marc will wirklich zurück in die Bankbranche, doch abends im Wohnheim hört er dieses Kratzen an der Tür und wie ein Blitz erscheint plötzlich eine Gestalt in seinem Sessel und verschwindet wieder genauso schnell – „Ein Riss in der Matrix?“ Die bildhafte Sprache von Christian ist wirklich toll – alles erschien vor dem geistigen Auge und nicht wenige fühlten mit Marc mit. In einer anderen Szene trifft sich Marc mit Sven, einem ehemaligen Kollegen aus der Bank. Dieser soll ihm seinen Posten wiederbeschaffen. Sven ist selbst so ein Arbeitstier und verlangt diese Hingabe auch von Marc, der doch immer so ein guter Analyst war. In einer etwas überheblichen Art und Weise macht er ihm klar, dass er ohne diese Bescheinigung nichts für ihn tun könne und wolle. Also solle er sich zusammenreißen und diesen Schein erbringen. Nur wie soll er das schaffen? Das ließ Christian dann aber offen, denn seine Lesezeit war schon um. Unter viel Beifall verabschiedete er sich schnell und machte den Platz am Mikrofon frei.

Fabienne Siegmund

„Von der Psychiatrie in ein Land, das vom Krieg zerfressen ist.“ Die nächste im Autorenreigen war Fabienne Siegmund, die „Der Zirkus der Einhörner“ in petto hatte. Die Geschichte spielt in zuvor genanntem Land und Fabienne stellte uns Talvi vor, ein Mädchen, das lila Haare und kein Herz hat. Außerdem ist sie taub und stumm. Sie lebt in der Mitternachtsmenagerie, einem Zirkus, der durch das vom Krieg zerstörte Land zieht. Das Mädchen ist durch ihre Besonderheit anders – sie kann nämlich nichts fühlen, weder Hass, noch Angst, noch Liebe – Gefühle sind für sie eher „nicht mehr als eine bloße Vorstellung“. Allein deswegen ist sie geschaffen dafür, sich um die Einhörner im Zirkus zu kümmern – sehr eitle Wesen. Für normale Menschen sehen die Einhörner aber aus wie normale Pferde, lediglich Kinder und nur ganz wenig Auserwählte erkennen ihre wahre Gestalt. Auch eine Herzfresserin lebt im Zirkus und auch um sie kümmert sich Talvi, denn diese Kreatur spürt, wenn ihr Gegenüber Angst oder dergleichen verspürt. All diese Wesen haben im Zirkus Zuflucht gefunden, denn in diesen schlimmen Zeiten gibt es sonst nirgends Platz für sie. So wurde die Menagerie zu einer Art „Seifenblase“ für sie in dieser öden Welt mit „Leid und Schmerz“. Die Leiterin des Zirkus ist eine Hexe, die Sand weint. Dann gibt es einen Tag, der die „Seifenblase“ zerstört und an ein Weiterreisen ist nicht zu denken. Gemeinsam warten alle Mitglieder der kleinen Gemeinschaft auf den Zerfall. In ihrer Mitte taucht ein Mann auf, der ohne Jacke, mitten im Winter, mit einer Holzscheibe in der Hand vor ihnen steht – seine Eintrittskarte in den Zirkus. Dieser Mann „hat sich verloren“ und Talvi soll ihm helfen, so die Hexe. Plötzlich bersten aber alle Spiegel in der Menagerie und die Herzfresserin verlangt, ihn zu bekommen – genauer gesagt sein Herz, denn davon hat er gleich zwei. Die Herzfresserin erinnert mich total an die Harpyie aus „Das letzte Einhorn“ und auch die restliche Stimmung der Geschichte spielt stark in diese Richtung. Es war alles recht düster und mystisch. Was es mit den zwei Herzen auf sich hatte, verriet Fabienne nicht, denn der Leser sollte noch neugierig bleiben. Und nicht wenige Anwesende kauften sich das Buch im Anschluss an diese Lesung am Stand des Verlages. Fabienne bedankte sich fürs Zuhören und für uns gab es eine kleine Verschnaufpause.

David Gray

Nach dem Päuschen waren wieder alle Sitzplätze im Saal belegt und gespannt warteten wir auf David Gray, den Mann mit den zwei Namen, denn der Autor veröffentlichte auch unter anderem Namen Geschichten. Der Leipziger ist für seinen „trockenen Humor“ bekannt und kommt aus der Krimiecke. Für ihn sind „Phantasten alles Hippies“ – „Welcome to the Hippie-World“. David hatte „Sherlock Holmes – Der Geist des Architekten“ dabei. Wie sein Protagonist hätte er gern einen Stockdegen, verriet er schelmisch grinsend. Anfangs stellte er die Welt seines Buches vor, das auch großartige Illustrationen enthält. Die Zuschauer waren angehalten, Fragen zu stellen, „da muss ich nicht so viel lesen.“ In diesem neuen Roman, der „tatsächlich im viktorianischen Zeitalter“ spielt, humpelt Sherlocks Freund Watson nicht und hat eine Bulldogge namens Lestrade. Außerdem ist John Watson bereits verheiratet und lebt mit seiner Frau Mary in einem eigenen Haus. Die Freundschaft zwischen John und Sherlock beschreibt der Autor als eine Art Symbiose, doch Sherlock war nicht ganz normal. John war eher der Normale. Die Geschichte ist aus Watsons Sicht aufgeschrieben worden. David las uns dann doch noch etwas vor – und zwar den Anfang des Buches, als Watson durch ein Telegramm von Holmes gebeten wird, zu ihm zu kommen – mitsamt seines Revolvers. Auch Sherlocks Bruder Mycroft solle bei diesem Treffen zugegen sein – mit dem Hintergrund, Sherlock einen Auftrag zu vermitteln, aber er verspätet sich wohl etwas, so Johns Annahme. Die Wartezeit vertreiben sich die beiden Freunde in der Baker Street damit, zu rätseln, was Mycroft wohl für einen Aufgabe in petto haben würde. Könnte es etwa um den möglichen Giftanschlag auf den französischen Botschafter gehen? Wohl eher nicht, denn Sherlock hat bereits ermittelt, dass es eher ein Unfall war, weil der abendliche Brandy des Botschafters nach und nach immer mehr mit Laudanum gestreckt wurde, um zu verschleiern, dass sich ein Angestellter daran bediente. Lestrade, der Hund, zerstört derweil im Nebenzimmer eines von Sherlocks Experimenten und rennt mit einer schon leicht verwesten Hand die Treppe nach unten, wo Holmes Vermieterin Mrs. Hudson lebt, was dieser selbstverständlich missfällt. Das Ganze hatte eine sehr kurzweilige und lebhafte Sprache, so dass die Lesezeit Davids so schnell um war, so dass wir dann doch nicht mehr erfuhren, was Mycroft von seinem Bruder wollte. Weil ich Sherlock Holmes aber sehr mag und ich nun doch arg neugierig war, habe ich mir das Buch direkt besorgt und werde es daheim nachlesen. Danke David!

Luci van Org

Die letzte im Bunde war Luci van Org – „die wundervollste Luci aller Lucis jetzt mit ihrer Gitarre“, so Isa in einer Ankündigung. Wegen eines persönlichen Schicksalsschlags in der Familie hatte Lucis neues Buch „Vagina Dentata“ noch nicht zur Leipziger Buchmesse erscheinen können, aber gleich zu Beginn verriet sie, dass es zum diesjährigen Wave-Gotik-Treffen endlich soweit sein werde. In diesem Roman ging es dann darum, dass alle Frauen „Mumus mit Zähnen“ haben und sich so das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau verschiebt. Passend dazu sang die Autorin und Sängerin direkt erst einmal ihren Üebermutter-Klassiker „Liebe ist Schmerz“, was nicht wenige Zuschauer sehr beeindruckte – ihre Stimme ist aber auch immer ein Erlebnis. Dann nahm sie uns mit in die Welt ihres Buches, das in Berlin spielte, wo die nordischen Gottheiten mit den Menschen lebten und es wurde auch politisch: „Ich hoffe, es klappt.“ Es ging ohne Umschweife ins erste Kapitel, dass „Der Fluch“ hieß. Dort trafen wir alle auf Odin, der mit den anderen Göttern bei einem Göttertreffen am Weltenbaum Yggdrasil war, wo die Göttinnen mehr Gerechtigkeit für alle Frauen forderten. Trotz gesetzlich geregelter Gleichberechtigung wurden die Frauen in allen Welten immer noch unterdrückt. 19 Stunden zuvor hatte sich „der Fluch“ aufgehoben und alle weiblichen Wesen, auch die Göttinnen, hatten nun wieder ihre Zähne an den Vaginas. Diese waren selbstnachwachsend und wählten aus, welcher Mann würdig sei, sein Erbgut zu verteilen. Wer ihrer Meinung nach nicht würdig war, der wurde empfindlichst verletzt oder gar verstümmelt. Das führte allerdings nicht etwa zum großen Zuspruch der männlichen Götter – eher probten sie als erste Idee den Aufstand. Das ließen sich die weiblichen Gottheiten aber nicht gefallen und zerstörten Dinge – „es gibt viele Dramen“, so Luci über den weiteren Verlauf der Geschehnisse im Buch. Das Ganze gipfelte letztendlich in einer Rede von Gott Loki, der sich ja mit „intergenderistischen Dingen“ auskennt. Diese Rede hält Loki zu allen Menschen und Göttern gleichzeitig. Los geht das mit „Hey, ihr Geschlechtsteile“ – ein Brüller. Der Gott des Chaos‘ hatte zwei Nachrichten für alle Lebewesen – eine gute und eine schlechtere. Die schlechte war: „Ihr seid alle allerhöchstens Durchschnitt. Ihr hattet alle nur Glück.“ Er verglich die Menschen mit den „Süßis“, die sich damals in der Schule überall durchgemogelt haben. Die gute Nachricht war aber: „Das muss nicht so bleiben. Ihr müsst kein Arschloch sein, sondern ein beliebtes Süßi.“ Was genau Loki damit aber sagen wollte – tja, das musste Luci selbstverständlich offen lassen, denn die Spannung auf ihren neuen Roman wollte sie schließlich aufrechterhalten. Mit einem Hoch auf Holger, den Verleger und den Verlag selbst verabschiedete sich die Berlinerin von den Zuschauern und damit war der Leseabend auch schon wieder vorbei – schade!

Wir hatten vier Bücher kennengelernt, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Doch allesamt waren sie spannend, besonders und absolut hörenswert – mein persönlicher Bücherschrank ist seither noch voller. Ich hielt noch einen kleinen Plausch mit Freunden und dann machte ich mich aber auch schon wieder auf den Heimweg. Danke an Christian Krumm, Fabienne Siegmund, David Gray, Luci van Org und den Verleger Holger Kliemannel für diesen wunderbaren Abend. Ich freu mich schon auf eine baldige Wiederholung!

Autor & Photos: Scratchcat

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