Lesung in der Vodkaria: Dunkle Ziffern 23.03.2019 Vodkaria Leipzig

Die Leipziger Buchmesse bietet neben all den Veranstaltungen in den fünf Messehallen der Neuen Messe Leipzig auch noch unzählige Lesungen und mehr im gesamten Stadtgebiet Leipzigs. Am 23.03.2019 habe ich mir eine kleine, aber feine Lesung rausgepickt, die ich für euch besucht habe. In der Vodkaria Leipzig sollte die Anthologie „Dunkle Ziffern“ in einem Leseabend vorgestellt werden.

Isa Theobald

Ich kam zum Einlass pünktlich vor Ort an und fast alle Sitzplätze in dem kleinen Lokal waren schon belegt. Es gab kaum Platz für alle Interessierten, jedoch konnte ich noch einen Platz an einem der Tische ergattern. Bei leckeren Drinks und etwas zu Essen warteten alle Anwesenden auf das, was da wohl kommen mochte. Isa Theobald, eine der drei Herausgeberinnen des Werkes, das zugunsten von Dunkelziffer e.V. im Hause Edition Roter Drache erschienen ist, begrüßte uns mit den Worten: „Schön, dass ihr heute Abend alle hier seid.“

Hanka Jobke

Einige der Geschichten sollten an diesem Abend live von den jeweiligen Autoren vorgetragen werden – den Anfang machte Hanka Jobke mit „Rache“. „Ich darf diesen Abend eröffnen“, so Hanka. Als kurze Vorwarnung meinte sie noch: „Es wird schrecklich.“ Den kurzen Text hatte sie noch unter ihrem alten Nachnamen veröffentlicht, den sie aber unbedingt loswerden wollte, denn es war der Name desjenigen, dem die Geschichte gewidmet sei. Es war derjenige, der vor 23 Jahren an ihrem Bett saß und sie angefasst hat, was ihr aber nicht gefiel.

Fabienne Siegmund

Ich musste tief durchatmen, wie die Hanka auch. Es würde ein krasser Abend werden, denn die Themen, mit denen sich das Buch befasst, waren allesamt keine leichte Kost – Missbrauch, seelische und körperliche Gewalt oder schwere Krankheiten. Weiter ging es dann mit den Vorträgen mit Fabienne Siegmund, ebenfalls eine der Initiatorinnen des Ganzen. In „Sieben Tage, Sieben Tode. Sieben Spiegel, Sieben Scherben.“ ging etwas märchenhafter zur Sache. Die Meerjungfrau Isobel gelangt in einen „Schatten“ – ein Mann vergreift sich an ihr und nach dieser schlimmen Erfahrung wird sie ohne Flossen an Land angeschwemmt, wo sie stumm in einem Lokal als Kellnerin unterkommt. Dort verliebt sie sich, aber weil sie nicht sprechen kann, ist es nicht so einfach. Immer schwebt ein Schmetterlingsschwarm über ihr – bedeutet dieser etwas Gutes oder sind es ihre traurigen und düsteren Gedanken, die sie immer wieder einholen? Fabienne ließ das Ende offen, verriet aber: „Es wird ein gutes Ende nehmen.“ Na Gott sei Dank, gibt es auch Geschichten mit einer Art Happy End.

Tom Daut

Das zauberte dann auch mal ein Lächeln auf die Gesichter der Zuschauer, bevor Tom Daut mit „Schweigen“ den Platz am Mikrofon übernahm. Hier ging es um ein Kind, das mit sechs Jahren nicht mehr bei seinen Eltern schlafen durfte. Allein in seinem Bettchen hörte es dann Kratzgeräusche in der Nacht unter seinem Bett. Der Vater sucht mit ihm gemeinsam nach der Ursache, findet aber nichts. Auch ein Arzt wird konsultiert, denn niemand anderes aus der Familie hört diese Geräusche. Nach und nach gesellt sich auch noch ein Knurren zu dem Kratzen und das Kind bekommt immer mehr Angst. Die Mutter glaubt ihm aber nicht, nur der Vater versucht es zu beruhigen, indem er lange Gute-Nacht-Geschichten erzählt zum Einschlafen. Das hilft aber auch nicht, denn irgendwann klopft es von unten an das Kinderbett und eine Hand greift nach dem Kind. Das „dunkle Monster“ wird dann für eine Weile von einem Nachtlicht verjagt, doch die Gier scheint größer zu sein. Wieder greift es nach dem Kind und nun glaubt ihm auch der Vater nicht mehr – er droht sogar mit Krankenhaus. Das Monster nimmt dem Kind alle schönen Gedanken, es wird immer verschlossener und ängstlicher. Es war absolut untröstlich, doch wie es ausging, blieb leider offen. Tom hatte keine Zeit mehr für seine Lesung – ich musste also, wie auch viele anderen Anwesenden das Buch im Anschluss an die Lesungen kaufen, um die Spannung durch selbst Nachlesen auflösen zu können. Alle Autoren haben für das Werk auf Honorare verzichtet und alle Gewinne aus dem Buch werden vom Verlag an den Dunkelziffer e.V. gespendet.

Isa Theobald

Viel Zeit durch Durchatmen blieb uns aber nicht, denn Isa Theobald wollte ihren Beitrag vorlesen. Die ersten Worte von „Sehnsucht“ waren „Tu es nicht.“ Jelena kommt jeden Tag in ein Museum, um ein bestimmtes Bild anzusehen – „Er hat mich zerstört“. Sie will sich an diesem Bild rächen, denn es zeigt für sie ihren Peiniger aus jungen Jahren. Eine ältere Frau durchschaut sie und will sie davon abhalten, indem sie ihre eigene Leidensgeschichte von sich und ihrem Lehrer erzählt, der sie im Alter von 13 Jahren getäuscht und benutzt hatte. Sie war wohl nicht das einzige Opfer des 30-jährigen Pädagogen, hatte aber immer geschwiegen und nie über ihre Leiden berichtet. „Vertrauen fand ich keines mehr“ verriet die Alte. Sie verrät weiter, dass sie lange litt, bis „der Eine“ kam, bei dem sie endlich wieder die „Engel singen“ hören konnte. Doch durch eigene Schuld verlor sie ihn wieder und davor warnte sie nun Jelena. Sie solle sich ein Jahr Auszeit nehmen, etwas anderes sehen, auf Menschen zugehen und sie kennenlernen und dann zurückkehren – ob dann immer noch die Rache ihres sei. Jelena hört auf sie und kehrt nach einem Jahr zurück, mit einer besonderen Erkenntnis – „Wenn du die Dunkelheit nicht willst, wirst du auch das Licht nicht bekommen.“ Und so nahm Jelena ihre Leiden als Geschenk an, denn sie hatten sie zu dem gemacht, was sie heute war.

Sonja Rüther

Diese Erkenntnis sei hart und ein langer Weg gewesen und weiter ging es dann schon wieder mit der nächsten Autorin. Sonja Rüther war nun an der Reihe und sie hatte „Ungeliebt“ dabei. Hier erzählte eine Frau von ihrem Schicksal, das Ergebnis einer Vergewaltigung zu sein. Ihre Mutter liebte sie deswegen nie wirklich und hat sie fett gefüttert. Und dann wurde sie ermordet. Ihr „Erzeuger war ein Draufgänger“, den sie nicht kannte, aber ihre Mutter hat sie sehr geliebt, auch wenn diese keine Gefühle für sie übrig hatte. Es gab nur ihre Mutter und sie. Sie schirmte ihre Mutter von der Außenwelt ab und redete ihr sogar aus, Fotograf zu werden. Doch dann kam Jens, der ihr ihre Mama wegnahm. Sie versuchte auch, diese Beziehung zu sabotieren, doch Jens ließ sich nicht vertreiben. Und so wurde sie schließlich durch Jens‘ Liebe ermordet, denn sie war nur der dunkle Schatten ihrer Mutter Maike, der durch Jens von ihr abfiel und sie endlich glücklich sein konnte. „Du hast keine Schuld“ – dieser Satz befreite Maike endlich. „Ich werde aber immer wiedergeboren.“ Das dunkle Gefühl von Schuld und Elend – es wird sich immer wieder versuchen, sich durchzusetzen. Wow – das war mal eine Kampfansage! Mit diesem dunklen Schatten ging es dann aber mal zum Durchschnaufen in eine Lesungspause und das war auch dringend nötig.

Sebastian Ehrhardt

Nachdem wir uns alle ein wenig erholt hatten, kam Fabienne nach vorn und meinte sichtlich erfreut: „Ich bin froh, dass ihr alle nicht weggegangen seid.“ Sie kündigte Sebastian Ehrhardt an, der an diesem Abend seine erste Lesung überhaupt abhielt und entsprechend nervös war. Er selbst schreibt schon länger Gedichte und eines davon hat es in das Buch geschafft. Dieses hat er als Kompensation seiner Gefühle des kranken Vaters wegen verfasst. Mit einem Dank an die Herausgeberinnen holte er tief Luft und trug „Der Besuch“ vor. In den wenigen Zeilen richtet er das Wort an seinen mittlerweile verstorbenen Vater, an dessen Grab er nun steht. Er versichert ihm, dass er ihn liebt und sich auf ein Wiedersehen irgendwann freut.

Diana Kinne

Auch die dritte Initiatorin des Buches durfte an diesem Abend nicht fehlen und so kam nun Diana Kinne hervor, um uns den „Seelenspiegel“ vorzustellen. Sie bezeichnete das Ganze als ein „Herzensprojekt“. In der besagten Geschichte hatte sie über eine lebenslustige Frau geschrieben, die die Inspiration für das Gesamtwerk war – sie war sogar anwesend an diesem Abend. Gemeint war Napolde, die immer wieder Perlen auffädelt und mit Haken und Ösen daraus Schmuck fertigt. Eines ihrer Werke schmückt auch das Cover des Buches. Immer wieder fädelt Napolde auch Spiegel und Augen mit in ihre Machwerke ein – eben „Seelenspiegel“. In den Augen könnte auch die Angst des 8-jährigen Kindes zu erkennen sein, das sich im Bettkasten versteckt und diesen von innen mit Haken und Ösen versucht zu verriegeln. Sie versteckt sich vor ihrem Stiefvater, der ihr immer wieder seine „Hosenschlange“ vorsetzte – deswegen hatte sie auch eine Schlangenphobie. Sie hatte versucht, zu ihrer Oma ziehen zu können, doch das Jugendamt glaubte ihr trotz Verletzungen nicht und brachte sie nur wieder zurück nach Hause zu ihrem Peiniger, wo sie von der Jugendamts-Dame und den Eltern nur ausgelacht wurde. Wie dramatisch! Wie sollte ein Mensch daran nicht zerbrechen? Doch Napolde hatte Ragnatz – ihren Anker, der sie festhielt im Licht. Das Ende der Story sei im Buch nachzulesen, so Diana. Sie versicherte uns aber noch, dass die Lebenslust in Napolde geblieben ist und sie nicht somit nicht zerbrochen ist. Puh, das ist echt beruhigend!

Luci van Org

Nach dieser echt schweren Kost, übernahm Luci van Org als nächste Vortragende. Sie wies noch schnell auf die Spendenbox hin, die der Verlag an diesem Abend aufgestellt hatte. Alle Spenden in dieser Box sollten auch dem Dunkelziffer e.V. zugute kommen. In ihrer Story „Angeleckt“ lernten wir Vera kennen, eine Sängerin, die vom Tod eines Mannes erfuhr, bei dem sie einst vorgesungen hatte, um bei einem Schlagerabend teilnehmen zu können. Werner hatte sie hiernach vor den eisigen Augen seiner Frau Irmi angegrabscht und geküsst und sie hatte es einfach über sich ergehen lassen, ohne sich zu wehren. Sie hatte „wie ein Roboter“ nur gestrahlt und so geschah das immer wieder, wenn sie Werner traf. Irmi hatte nie etwas dazu gesagt und ihr Gitarrist Gregor hatte sie sogar angemault: „Es dreht sich sowieso schon alles um dich.“ Vera fühlte sich mies – eben wie von Werner „angeleckt“. Sie verrät ihre Gefühle aber niemandem, wird aber irgendwann gefragt: „Warum wehrst du dich nicht?“ Wie sollte das aber gehen? Das wurde an diesem Abend offen gelassen – Luci verriet nur soviel: „Vera wird sich wehren.“ Wie? Das mussten wir dann wohl oder übel selbst nachschmökern.

Germaine Paulus

Nach jeder der Lesungen war der Beifall groß, mussten doch Mut und Offenheit gewürdigt werden und all die schweren Schicksale brauchten auch ein wenig Fröhlichkeit und Auflockerung, damit die Atmosphäre in der Vodkaria nicht zu erdrückend wurde. Den Abschluss im Leseabend bildete dann Germaine Paulus, die mit „Rot“ ans Mikrofon trat. Sie meinte knapp: „Ich bin aufgeregt.“ Und dann: „Deine Wut ist rot. Rot, verrottet zu rosa, mit weißlichen Schlieren.“ Er war innerlich tot, 43 Jahre alt, lebte in einem bürgerlichen Viertel und hatte in seinem Leben 58 Nächte erlebt, die ihn zerbrochen hatten. Dafür wollte er nun Rache und „heute Nacht werde ich dich töten“. Er erinnerte sich an all die blauen Flecke aus den besagten Nächten und nun wollte er aber „vom Opfer zum Rächer“ werden und seinen Peiniger erschießen. Er wollte sich 32 Jahre zurückholen, in denen er innerlich gelitten hatte, doch ein Mann hielt ihn auf: „Du kommst zu spät.“ Das „Schwein ist schon tot. Hirnschlag.“ Der Mann schickt ihn mit den Worten „Du hattest niemals Schuld. Du bist gut.“ heim. Seine rote Wut war verflogen und so kehrte er seinem Leid den Rücken und sah einer besseren Zukunft entgegen – einer Zukunft als Vater.

Wahnsinn! Ich musste auch hier tief durchatmen und auch für die letzte Geschichte des Abends gab es viel Applaus. Die drei Herausgeberinnen scharten sich um das Mikrofon, denn die echte Napolde wollte noch etwas sagen. „Danke, dass ihr alle heute Abend hier seid.“ Sie war extrem nervös und schier aufgelöst und absolut von ihren Gefühlen überfordert. Dennoch wollte sie sich für die Hingabe von Diana, Isa und Fabienne bedanken, entschuldigte sich aber im gleichen Atemzug dafür, dass sie zuviel erzählt habe und die Mädels damit emotional überfordert habe. „Danke“ kam ihr immer wieder über die Lippen. Sie dankte außerdem Holger Kliemannel vom Verlag, ihrem Mann Ragnatz und bei allen anderen Autoren und den Anwesenden an diesem Abend. Sie hatte für alle Autoren noch eine Kleinigkeit gebastelt – passend zu der jeweiligen Geschichte hatte sie eine Art Büchlein geschaffen mit einer kleinen Illustration aus ihrer Hand und einem Schmuckstück. Das war dann zu viel für die Herausgeberinnen und Tränen der Rührung und der Dankbarkeit liefen letztendlich nicht nur ihnen über die Wangen. Mit einem großen Reigen an „Danke“-sagen ging die Lesung so zu Ende.

Wow! Was war das nur für ein Abend? Ich war innerlich so aufgewühlt, dass ich es kaum in Worte fassen konnte. All diese Schicksale hatten mich tief in Herz getroffen und ich war dennoch dankbar, von ihnen gehört zu haben. Diese Buch ist ein absoluter Schatz und total wichtig – für alle Betroffenen und all jene, die helfen wollen. Es macht Mut davon zu hören, dass auch aus schlimmsten Erfahrungen Menschen erstehen können, die lebensfroh sind und sich nicht haben zerbrechen lassen. Danke dafür! Und danke für diesen emotionalen, offenen und intensiven Abend. Auf bald!

Autor & Photos: Scratchcat

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