Lesung Luci van Org: 04.12.2015 Absintheria Chemnitz

„Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ – so der Titel des neuen Buches von Ausnahmeautorin Luci van Org. Schon allein der Name des Werkes verspricht Spannung und so mussten wir einfach am 04.12.2015 in der Absintheria in Chemnitz dabei sein, als die Berlinerin zu einer Lesung einlud. Da wir noch nie in dieser Location waren, gab es dann gleich zwei neue Dinge für uns zu entdecken. Auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt holten wir uns eine kleine Stärkung und dann ging es die Treppe hinab, in die Absinth-Kneipe mitten in der Innenstadt. Die bereitgestellten Stühle waren schnell alle belegt. Luci kam etwas später, da sie noch im Stau stand, doch dann konnte es alsbald losgehen.

Luci van Org
Luci van Org

Mit den Worten: „Herzlich Willkommen – ich freu mich, dass ihr da seid“ begrüßte uns eine entspannt wirkende Luci und um sich erst einmal einzugrooven auf das Kommende, griff sie zuerst zur mitgebrachten Gitarre. Das Lied „Ich will nur deine Seele“ machte den Anfang – die Sängerin und Autorin meinte ergänzend: „Ich finde, das passt ganz gut zu dem, was man macht, wenn man auf einer Bühne steht.“ Und Recht hatte sie. Ihr Stimme erfüllte beim Singen den ganzen Raum – da hätte es auch kein Mikrofon gebraucht – einfach irre.

Luci van Org
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Hiernach erklärte sie einführend, das der neue Roman aus der Anfrage des Verlages U-Line heraus entstand – es sollten klassische Märchen neu interpretiert werden und Luci hat sich dann eben für das Schneewittchen entschieden. In ihrem Werk gab es zwei Welten – die des „Schneewittchens“ und die des „Prinzen“. Der Leser springt also beim Lesen immer zwischen diesen beiden hin und her. Uns Zuhörer nahm sie direkt mit in die Welt des Prinzen, indem sie den Beginn des ersten Kapitels „Ars neccandi“ vorlas. So trafen wir auf Professor Enders, der vor seinen Vorlesungen immer wieder trank. Nach der Lehrveranstaltungen erhielt er dann immer wieder Besuch von jungen Studentinnen – und das trotz seiner Ehefrau und seines kleinen Sohnes Maél, die das alles mitbekamen, aber lächelnd und schweigend ertrugen. Doch eines Tages regte sich der Professor nicht mehr. Wie sich herausstellte, hatte ihn sein eigener zehnjähriger Sohn umgebracht, indem er ihm Methanol in seinen Grappa gemischt hatte und ihm beim Sterben sogar zusah. Das kam aber nicht heraus und so konnte Maél lächelnd sein Leben weiterführen, denn „das ist so eine Sache mit der Schuld“.

Luci van Org
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Dieser erste kleine Schock konnte dann bei einem nächsten Lied verdaut werden – Luci hatte ihren Meystersinger-Kollegen in Form einer kleinen Puppe mit seinem Gesicht dabei. Seine Stimme kam aus der „musikalischen Handtasche“ und so konnten sie „gemeinsam“ das Stück „Reise“ performen.

Luci van Org
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Dann sprangen wir alle zusammen in die Welt des „Schneewittchens“, dass hier Nina hieß. In der vorgetragenen Szene war Nina mit Panzerband über dem Mund und den Handgelenken gefesselt – aber nicht aus dramatischen Gründen, sondern während eines Liebesspiels mit Ivo. Die ganze Ü18-Sexszene durften wir nicht hören – ein wenig Spannung auf das Buch sollte ja bleiben – aber dann wurden die beiden von den Mitbewohnern von Ivo unterbrochen – „da kommen komische Geräusche aus der Heizung“. Die sieben WG-Kollegen von Ivo waren allesamt „Vollnerds“, die sich auf die bevorstehende „Zwerge-Con“ vorbereiteten. In einem gedanklichen Rückblick erfuhren wir, dass der unglücklich unterbrochene Liebhaber schon vier Jahre heimlich auf Nina stand und ihr vorgelogen hatte, dass er ganz viel SM-Erfahrung habe, nur um sie zu beeindrucken. Doch in Wahrheit war er selbst ein Anfänger. Auch von Ninas Mutter erfuhren wir ein wenig – ein sehr unangenehme, herrschsüchtige Frau, die zu ihrer Tochter alles andere als liebevoll war.

Passend dazu kamen wir alle in den Genuss des Üebermutter-Liedes „Mutterherz“. Doch vorher kündigte Luci eine neue CD dieses musikalischen Projektes an – „Ich hab noch heute Sachen eingesungen – ick schwöre Alda!“ Der Beifall nach den Stück war schon allein deswegen umso begeisterter.

Luci van Org
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Und dann – „wir sind immer noch bei Ivo und Nina und den Heizungsrohren“. Alle Mitbewohner stand vor der Zimmertür und wollten eingelassen werden. Nina befreite sich von dem Klebeband und durch eine Klebstoffallergie war zu sehen, wo eben dieses noch Sekunden vorher auf ihrer Haut war. Das führte natürlich zu einer peinlichen Situation, die auch nicht durch Ninas Spruch „Ivo hat mich nur ein bisschen gehauen“ besser wurde. Verantwortungsbewusst, wie sie sind, fragten die „1,98m“ großen Zwerge vorwurfsvoll, wie Nina denn bitte beim Liebesspiel ihr „Safeword“ sagen wolle, wenn sie Klebeband vor dem Mund habe? Diese summte dann einfach den Song „Atemlos“, was als Safeword vollkommen ausreichend war. Schon allein diese Situationskomik sorgte in der Absintheria in Chemnitz immer wieder für Lacher zwischendurch.

Um diese schlimmen Helene Fischer-Ohrwurm direkt loszuwerden, griff Luci wieder zur Gitarre und bot etwas „ganz Altes“ dar – „wenn die Gitarre Scheiße klingt, müsst ihr einfach nicht hinhören“. „Mein Herz in deine Hände“ klang dann aber vollkommen toll und lud zum Träumen ein. Danach gab es dann für Autorin und Zuschauerschaft eine kurze Erholungspause.

Luci van Org
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Frisch gestärkt ging es danach weiter mit Kapitel drei – „Momenta mortis“, das mit der gleichen Textzeile wie das klassische Schneewittchen begann. Hier besuchten wir Maél wieder, der, mittlerweile erwachsen, nach dem Mord an seinem Vater noch weitere 37 Mal getötet hatte – und nie war er erwischt worden. Er arbeitete außerdem als angesehener Pathologe und legte bei seinen Morden immer mehr Perfektion ans Werk. Er war eben ein „echter ausgewachsener Psychopath“, der sich seinen Opfern als Taxifahrer näherte.

Leider musste Luci an dieser Stelle kurz die Lesung unterbrechen, weil in einer Ecke des Raumes eine Gäste sich lautstark miteinander unterhielten, statt ihrem Vortrag zu folgen. Sie meinte scherzhaft: „Wenn ich euch bei eurem Problem helfen kann, sagt Bescheid.“ Das sorgte dann wieder für die notwendige Aufmerksamkeit.

Luci van Org
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Weiter ging es dann damit, dass sie verriet, wie Maél seine Opfer entsorgte und wie er sich von einigen Arbeitlosen sein „Atelier“ einrichten lassen hatte. Hier stand ein Glassarg für sein „Kunstwerk“ und über jede seiner „Arbeiten“ führte er Buch in einem Skizzenheft, wo er die Momente des Todes mit Worten und Zeichnungen archivierte. Seine Opfer legten sich sogar immer freiwillig in den Glassarg – durch Hypnose sei das ganz einfach. Den Tod führte er dann bei den Opfern unter anderem durch „Angst“ herbei.

Und wie sollte es anders sein – die multitalentierte Künstlerin sang uns dann – zusammen mit Puppen-Roman – das gleichnamige Meystersinger-Lied vor.

Luci van Org
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Maél selbst war ein angstfreier Mensch, weswegen er sich für einen „Mensch 2.0“ hielt – für etwas Besseres eben. Während seine Opfer in ihrer Angst immer panischer werden und so ihrem Ende entgegen gehen, lässt der Mörder in seinem Atelier das Leonard Cohen Stück „Halleluja“ laufen.

Luci meinte: „Normalweise covere ich ja nix, aber das muss jetzt sein“ und eben dieses Stück erfüllte den gesamten Raum. Beim Refrain sangen einige im Publikum mit – was für ein Gänsehaut-Moment!

Dann sprangen wir in das Kapitel „Grünes Äpfelchen“ und kamen so wieder zu Nina und Ivo, die auf einer SM-Party zu Gast waren. Dort geht es dann ganz schön zur Sache. Die beiden haben Spaß und schauen auch den anderen Gästen zu. Doch dann outete sich Ivo wieder einmal als „Frischling“ und verletzt Nina mit einem Rohrstock. Diese Peinlichkeit blieb ihm also auch nicht erspart.

Luci van Org
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Doch dann endete Lucis Vortrag und sie verkündete: „Wie es weitergeht und was passiert, wenn Schneewittchen auf den Prinzen trifft, kann man im Buch lesen.“ Mit einem letzten Stück – dem Üebermutter-Song „Liebe ist Schmerz“ setzte sie einen Schlusspunkt und erntete dafür mächtig viel Beifall, der nicht aufhören wollte.

Luci van Org
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Als kleinen „Nachklapper“ bekamen wir dann doch noch einen Ausblick in Kapitel sechs – „Holländer“. Hier war Ivo im Verhör bei der Polizei, denn „Schneewittchen muss ja auch mal kurzfristig sterben“. Der Polizist denkt, Ivo habe etwas mit Ninas Tod zu tun und unterstellt ihm, sie misshandelt und getötet zu haben. Doch der Unglückliche stellt klar, dass ihre Verletzungen von ihren SM-Spielchen gekommen seien, denn „Christian Grey“ sei wie die „Holländer beim BDSM“. Wer das genau verstehen will, muss in Lucis Roman nachschmökern.

Als letzte kleine Zugabe gab es dann noch ihren Klassiker „Lied für meine Feinde“ auf die Ohren, den sich einer der Zuschauer gewünscht hatte. Der Applaus und die anschließende Buchabkäufe zeigten ihr, dass es ein erfolgreicher Abend war und wohl jeder hier seinen Spaß gehabt hat. Uns jedenfalls hat es mehr als neugierig auf „Schneewittchen und die Kunst des Tötens“ gemacht und so nahmen auch wir ein Exemplar des Werkes mit nach Hause. Die Autorin war zufrieden und wir waren sehr glücklich, in dieser kleinen intimen Runde in der Chemnitzer Absintheria dabei gewesen zu sein. Es war fulminant und besonders – danke, liebe Luci! Wir kommen gern wieder!

Autor: Scratchcat

Photos: Pyro

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