NCN Special 2020: 04.&05.09.2020 Kulturpark Deutzen – Tag 1

Im Jahr 2020 hat es die Veranstaltungsbranche mehr als schwer, da fast alle Events abgesagt oder verschoben werden müssen. Und so haben auch alle Fans der Nocturnal Culture Night gebangt, ob das geliebte kleine Festival im Kulturpark Deutzen überhaupt stattfinden kann. Das Orga-Team hat lange mit den örtlichen Behörden verhandelt und so stand irgendwann fest, dass dieses Mal ein NCN Special stattfinden kann – in abgespeckter Version, unter Einhaltung eines speziellen Hygienekonzepts. Und so fanden sich die 999 Besucher pro Tag am 04. & 05.09.2020 ein, um den Konzerten auf zwei Bühnen lauschen zu können.

Für uns war es das erste Live-Event nach ganzen sieben Monaten Abstinenz und so waren wir, wie wohl die meisten Anwesenden, etwas aufgeregt – der Hunger nach Livemusik war echt groß. Nach der Temperaturkontrolle am Einlass nahmen wir unsere Bändchen in Empfang und schauten uns erst einmal auf dem Gelände um. Vor den beiden Bühnen (Amphi- und Kultur-Stage) waren jeweils Stühle aufgebaut. Es konnte also im Sitzen oder im Stehen (an den Stühlen) tanzend abgefeiert werden. Auf dem Gelände herrschte ein Einbahnstrassensystem, so dass es nicht zu großen Besucherstaus kam. Mundschutzpflicht herrschte am Einlass, auf den Toiletten, an den Cateringständen beim Bestellen und auf dem engen Weg zur Kulturbühne, woran sich auch gut gehalten wurde.

Palast

Und dann war es endlich Zeit für die ersten Live-Momente. Moderatorin Manja begrüßte und freudig strahlend und meinte, dass das hier „was absolut Verrücktes“ sei. „Familiär“ soll es sein und „mit viel Herzblut“ haben sie alle daran gearbeitet, dass wir nun eine tolle Zeit haben konnten.
Den Anfang machte Palast aus Berlin. Das Duo hatte zwei halbe Frauen als Keyboardständer dabei – genauer, die unteren Hälften von Schaufensterpuppen, und ein Drumset war auch aufgebaut. Frontmann Sascha startete mit seiner Gitarre und dem Stück „Shut the door“. Seine tiefe Stimme beeindruckte vom ersten Moment an und wetteiferte mit dem Bass aus den Boxen. Drummer Marcus legte sich voll ins Zeug und feuerte das Publikum an. Die ersten Zuschauer tanzten bereits zu den Synth-Electrorock-Sounds. Mit den Worten „Schön, dass ihr hier seid“ bedankte sich die Band dafür und legte mit „She can dance“ nach. Dabei stellte Sascha den Kragen seiner Lederjacke hoch und sah so noch cooler aus als sowieso schon. Auch er tanzte zu den eigenen Klängen ab, während Marcus immer weiter aufdrehte. Auch das Stück, mit dem das Duo angefangen hatte, durfte im Set nicht fehlen und so feierten die Fans „Crucify“ entsprechend lautstark. Die 80er Jahre-Sounds, die der Sänger dem Keyboard entlockte, kamen gut an. Dabei wanderten Lichtkegel auf der Stage umher. Weitere Highlights waren „Mirror Mirror“ oder auch „Nightfall“. Vor „Strong“ beichtete die Band, dass auch für sie das Ganze hier „richtig ungewohnt“ war – dafür machten sie ihre Sache aber echt gut. Der Anfang war absolut gelungen und die Feierstimmung nahm ihre Fahrt auf. Diverse Gitarren- und Drumsoli rundeten den Gig super ab und der Beifall hätte nicht besser ausfallen können. Danke an die beiden Herren – das war Balsam für die Seele und so konnte es ruhig weitergehen.

Adam is a Girl

Da die beiden Bühnen jeweils zeitgleich bespielt wurden, konnten sich die Konzertgäste entweder für das eine oder andere entscheiden oder es musste hin- und her gepilgert werden. Ich entschied mich dafür, die Gigs in Ruhe zu genießen und so sah ich eben nur die Hälfte es Angebotes – das dafür aber umso intensiver. Auf der großen Bühne war dann Adam is a Girl an der Reihe, die laut Moderatorin Anne „tolle Texte und tolle Mucke“ boten. Frontfrau Anja kam mit Gitarre nach vorn und spielte aber auch an einem Keyboard einige Klänge ein. Ihre Stimme hätte insgesamt etwas lauter sein können, aber nachdem sie uns mit einem „wunderschönen guten Abend“ begrüßt hatte, konnte zu „Up and down“ getanzt werden. Die Band hatte „passend zu diesem Jahr“ einige Stücke vom neuen Album mit im Gepäck. Anja selbst meinte, es seien „sehr unterschiedliche Songs“ – mal etwas krachigere Beats und dann wieder melodischer. Die ausdrucksstarke Gestik und Mimik der Frontfrau unterstrich dabei die intensiven Texte. Drummer Alex gab immer gut den Takt an, auch wenn er kaum zu sehen war, da er seit weit hinten auf der Bühne stand. Vor der Stage wurde getanzt und auf der Stage flogen die Haare nur so – Anja war sehr ausgelassen. Die Spielfreude war ihr echt anzusehen und das machte auch uns mächtig Spaß. „Your silence“, das „aus der Sicht der Großstadtkinder geschrieben“ wurde oder auch „Downstream“ sang die Frontfrau mit geschlossenen Augen – sie war voll bei der Sache. Mit einem Dank an die Festival-Orga „für diese kleine Sommerparty“ ging es weiter im Programm. „Shadows“, ein Stück gegen Angst und Trauer, beeindruckte mit Effekten auf Anjas Stimme. Bevor mit „Soldier“ der erste Hit gespielt wurde, kam noch „Sky“ zu seinen Ehren, das „in einer Gewitternacht in Holland entstanden“ war. Wir tanzten ausgelassen und strahlten mit dem tollen Wetter um die Wette. Hach, war das gut! Danke an Adam is a Girl – davon brauchen wir in Zukunft auf jeden Fall mehr!

Goethes Erben

Nach einer Essenspause waren wir im Anschluss gut gestärkt, um unser persönliches Highlight des Tages zu genießen. Manja sagte es schon: „Zeit für eine ganz besondere Stimmung.“ Goethes Erben hatten eine absolut schöne Dekoration auf der Amphibühne aufgebaut – mehrere Schwerter und Engel aus Metall rahmten das Cello, die Gitarre und den Flügel ein, denn nun gab es „etwas sehr Seltenes“ für uns. Alle Instrumente wurden live eingespielt – wie es sich für ein ordentliches Kammerkonzert gehört. Benni Cellini am Cello und Pianist Sebastian nahmen ihre Plätze ein und dann kam Sänger Oswald hervor, um mit einem frenetischen „Wehe mir“ den „Heldenuntergang“ anzustimmen. Die dezente Beleuchtung war sehr stimmungsvoll. Dazu passten die sehr intensive Gestik und Mimik des Frontmannes, der mal am vorderen Bühnenrand agierte und dann wieder in der Mitte seiner Kollegen performte. Dann griff er zu einem der Schwerter und schwang es beim Singen hin und her – Wow! Mit Die Begrüßung fiel recht knapp aus, denn schon erklang „Das schwarze Wesen“, bei dem die Musiker in rotes Licht getaucht wurden. Außerdem erstrahlten kleine Glühlampen, die auf der Stage verteilt waren. Oswald war absolut in seinem Element und verlangte wiederholt nach Ruhe im Publikum, wenn er sich doch extra für uns „bewege“ – so stand er auch mal wie ein Vogel mit dem Schwingen schlagend am vorderen Bühnenrand, als „Tage des Wassers“ an der Reihe war. Das neue Stück „Zeit zu gehen“ wurde ebenso frenetisch beklatscht wie die alten Klassiker – so etwa „Vermisster Traum“, wo Artwork-Gitarrist Jochen unterstützend hinzukam. Der irre Blick Oswalds passte gut zu den Texten. Der Sternenhimmel war das I-Tüpfelchen auf dem Ganzen – die Stimmung war eine Mischung aus Romantik, guter Musik, einer intensiven Performance und Begeisterung. Hin und wieder schaltete der Sänger selbst die Lichter auf der Stage um und sorgte immer wieder für eine andere Stimmung. Den Track „Keine Farben“ nutzte Oswald für einen beherzten Vergleich zur heutigen Gesellschaft, wofür er einen lauten Szenenapplaus erhielt. Wer unter den Zuschauern aus der Sicht des Sängers zu laut war, bekam bei „Iphigenie“ sein Fett weg. Hier war der Beifall besonders laut, genauso wie beim Klassiker „5 Jahre“. Was hatte ich dieses Lied ewig nicht live gehört – es war der absolute Höhepunkt! Beim Abschlusssong „Ich bin der Zorn“ griff der Sänger mit in die Tasten des Klaviers und setzte seinen Mund-Nasen-Schutz auf. Die Zuschauer spendeten Standing Ovations und riefen nach einer Zugabe, die leider nicht gewährt wurde. Wir bedanken uns für dieses großartige Live-Erlebnis und hoffen auf eine Wiederholung. Goethes Erben können es eben! Genial!

Mila Mar

Den Tagesabschluss bildete für uns Mila Mar, die auf der Kulturbühne Stellung bezogen hatten. Hier sorgten technische Probleme für einen zeitlichen Hänger, doch dann konnte die „starke Hyänenfrau“ endlich alles geben. Manja wünschte uns „viel Spaß mit dem neuen Album“ der Formation um Frontfrau Anke. Die Musiker Maaf, Tobias und Lars erschufen eine Art Klangteppich auf diversen Geräuschen und den Takten der großen Trommeln. Und dann fing Anke an zu singen und fegte uns alle fast hinfort mit ihrer Stimme – irre! Mal hoch und dann wieder ganz tief sorgte ihr Gesang für Gänsehaut bei den Zuschauern. Sie gab sich ganz der Musik hin, während im Hintergrund Videoaufnahmen von Wäldern zu sehen waren. Während sie in einem Stern aus Scheinwerferlicht stand, schloss sie die Augen und sang das nächste Stück. Dabei wurde sie von Cello und Synthesizer unterstützt, dem orientalische Klänge entwichen. Tobias begann das nächste Lied mit einem Solo, als die Lichter eine Art Gitter bildeten, das sich über die Musiker legte. Die einsetzenden Percussions waren echt cool – es ist schon erstaunlich, womit ein Musiker alles Sounds erzeugen kann. Anke kam von der kleinen Bühne herunter und tanzte vor den ersten Reihen. Leider gab es weiterhin technische Probleme mit dem Mikrofon, das schließlich ganz ausfiel. Als Überbrückung der Ruhe spielten Cello und Trommel eine Art Pausenmusik, zu dem das Publikum mitklatschte. Anke hob zu einer Art Schamanengesang an – ohne Mikro – der absolute Wahnsinn! Die Fans waren mehr als begeistert. Dann ging das Mic wieder und sie ging auf die Stage zurück, um dort, wieder verstärkt, weiter alles zu geben. Beim Singen sprang sie umher und sang sich den Frust über diese Unterbrechung von der Seele. Die Videos wechselten von Bildern von Wäldern hin zu Bergen und Schnee. Ankes Stimme hüllte uns dabei alle ein und wir konnten nicht anders, als uns in die Musik fallen zu lassen. Vielen Dank für solch Intensivität!

Wir überließen es den Fans dann noch, die letzten Klänge zu genießen und zu feiern, wir machten uns aber glücklich und zufrieden auf den Heimweg. Der erste Festivaltag nach so langer Zeit war absolut intensiv und hat uns fast erschlagen mit all den Eindrücken. Wir mussten ausruhen, denn zum Glück gab es noch einen Tag 2.

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Autor: Scratchcat

Photos: Pyro

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