Nocturnal Culture Night 10: 04.-06.09.2015 Kulturpark Deutzen – Tag 1

Wenn ein Festival bereits seinen 10. Geburtstag feiert, ist das heutzutage schon etwas Besonderes. Die Nocturnal Culture Night hat in Zeiten des „Festival-Sterbens“ eben dieses Jubiläum erreichen können und das hieß für uns – da müssen wir dabei sein! Und so machten wir uns fertig, um an gleich drei Tagen mit knapp 3000 anderen Konzertbesuchern wieder tolle Bands, Lesungen und noch mehr mitzuerleben.

Freitag – 04.09.2015

Perfection Doll
Perfection Doll

Direkt nach dem Einlass wurden alle lieben Pressekollegen und Freunde begrüßt und dann ging es auch schon los auf der Parkbühne. Perfection Doll aus Leipzig begrüßten uns mit den Worten: „Herzlich Willkommen Deutzen. Wir freuen uns ganz sehr, dass 10. NCN hier eröffnen zu dürfen.“ Sängerin Laluna sah sehr schick aus. Optisch wurde sie außerdem unterstützt von Tänzerin Jenny, die sich im knappen Lackoutfit zu den elektronischen Klängen bewegte. Keyboarder René hatte sich sein Instrument wie einen Bauchladen umgeschnallt und sah damit recht eigentümlich aus. Keyboarder Mirko schaute kaum auf – er hatte nur Augen für den Bildschirm seines Laptops vor sich. Der Sound war gut und brachte einige der bereits Anwesenden zum Mitwippen. Laluna strahlte die ganze Zeit, doch schien sie aufgeregt, so dass ihr Gesang ab und an daneben lag – das machte aber nichts. Die Show wurde außerdem von einem Video im Hintergrund unterstützt, das aber aufgrund des noch hellen Tages nicht so gut zu erkennen war. Jenny zog beim dritten Song ihr Kleid aus und stand dann in einer Art Lack-Body vor uns – das gefiel besonders den männlichen Zuschauern sehr. Lalunas Stimme wurde hier außerdem durch einen Effekt verändert, was ganz gut ankam. Der Applaus war gut und die Band schien glücklich mit der Stimmung – als Opener ist es ja immer schwer, aber hier hat alles gut gepasst – gut gemacht!

Severe Illusion
Severe Illusion

Weil auch wir nach der Arbeit noch ein wenig „ankommen“ mussten, erkundeten wir erst einmal das Gelände, was ja in diesem Jahr noch ausgebaut wurde und dann gab es schon das nächste Konzert auf der Amphibühne mitzuerleben. Moderatorin Manja berichtete über Severe Illusion aus Schweden, dass diese einst Mp3 auf ihrer Homepage verschenkten und dann auf einmal im ungarischen Radio zu hören waren. Dann stürmten aber auch schon Fredrik, Ulf und Mikael auf die Bühne und es dröhnten die Industrial-Electro-Beats aus den Boxen. Der Frontmann, dessen freier Oberkörper mit Klarsichtfolie umhüllt war, brüllte auch direkt drauf los. Dabei schaute er die ganze Zeit über recht böse drein – ein finsterer Typ – zumindest auf der Stage. Er hielt kaum still und lief immer wieder nach links und rechts oder auch an den vorderen Bühnenrand und wieder nach hinten. Der Drummer der Formation rockte gut mit ab und auch im Publikum tanzten die ersten Electroheads. Da war also Bewegung in der Menge – das gefiel den Musikern und so gaben sie noch mehr Gas. Dann sprang der Sänger auf eine der Boxen, die im Bühnengraben standen und schrie seinen Text nur so raus. Die Fans jubelten ihm hier zu und so wurde es eine gute Zeit für alle.

Naevus
Naevus

Wir wanderten hier aber schon zur Kulturbühne, wo Naevus bereits seinen Gig begonnen hatte. Sänger Lloyd James war hier extra aus Großbritannien angereist, um die Anhänger von Neofolk und Psychedelicrock mit seiner Simme zu verzaubern. Die ruhigen Klängen luden dazu ein, sich an der Bühne einen Sitzplatz zu suchen und einfach zu lauschen. Die Stimmung war entsprechend entspannt und zu Songs wie „Odour“ oder auch „Bleat beep“ waren überall Zuhörer mit geschlossenen Augen zu sehen, die genossen. Lloyd stand allein mit seiner Gitarre auf der kleinen Bühne und auch er hatte die Augen immer wieder zu – intensiv und mit viel Hingabe zeigte er sein ganzes Können.

Blind Passenger
Blind Passenger

Als Naevus dann das Ende seines Sets erreicht hatte, ging es auf der Parkbühne weiter mit Blind Passenger aus Berlin. Manja meinte, dass „die Familie endlich wieder vollständig“ sei und meinte damit, dass Nik Page und Band gern gesehene Gäste auf dem NCN sind. Die Band kam wieder durch die Zuschauermenge auf die Bühne – mit Sirenen und dem Schild „Next flight to planet Earth“. Dann begrüßte uns der Sänger mit einem „Welcome sinners“. Der Invincible Spirit-Coversong „Push“ machte dann den Anfang und die Fan-Meute tanzte direkt ab. Außerdem wurde lauthals mitgesungen. Nik und seine hübsche Stewardesse trommelten hier im Takt mit – auf Trommeln und Fässern. Weiter ging es dann mit dem Klassiker „Yes Sir!“. Für einen „verdammt alten Blind Passengers-Song“ holte sich der Frontmann dann mit Angela gesangliche Unterstützung nach vorn – gemeinsam wurde so „Born to die“ performt. Am Keyboard gab derweil Sebastian sein Bestes. Nik warf silberne Pappteller in die Menge, was dann wie fliegende Untertassen aussah. Bevor es mit „Absurdistan“ dann noch weiter zurück in die musikalische Vergangenheit von Blind Passenger ging, kam ein Titel zu seinen Ehren, den Nik selbst als „einen der besten Gothic-Songs aller Zeiten“ bezeichnete – die Rede war selbstverständlich von dem The Cure-Klassiker „A Forest“. Die Zuschauer sangen hier aus vollem Herzen mit und wir machten uns schon wieder auf den Weg zur nächsten Bühne.

Oberer Totpunkt
Oberer Totpunkt

Auf der Weidenbogenbühne spielten Oberer Totpunkt aus Hamburg bereits eine Weile und so kamen wir kaum an die Stage heran. Viele Fans waren hier und so konnten wir von hinten die Band kaum noch erblicken. Sängerin Bettina gab gerade den Hubert Kah-Hit „Rosemarie“ zum Besten – natürlich in ihrer ganz eigenen Art und Weise. Dabei spielte sie Gitarre und strahlte ob der zahlreichen Zuschauer vor sich. Im Hintergrund flimmerte ein Video an einer Leinwand, doch das lenkte eigentlich nur von den Musikern ab. Drummer Michael trommelte lässig vor sich hin und Bassist „Frost“ war einfach nur eine coole Sau. Bei „Blutmond“ erklangen besondere Töne, die ich vom Hören her einem Theremin oder einer singenden Säge zuordnen würde – ich habe es leider nicht sehen können, weil soviel los war – es klang auf jeden Fall besonders.

Legend
Legend

Nach einem kurzen Plausch mit Verleger Holger Kliemannel von Edition Roter Drache, der seinen Stand direkt neben der Weidenbogenbühne hatte, machte ich mich auf zu meinem ersten Highlight des Tages. Legend aus Island waren wieder angereist, denn sie hatten laut Manja im vergangenen Jahr „eingeschlagen wie eine Bombe“. Recht hatte sie und deswegen war das kleine Amphitheater auch entsprechend voll mittlerweile – alle wollten sie die Band sehen. Sänger Krummi begrüßte uns mit den Worten: „Hallo Leipzig – good to see you guys.“ Die drei Musiker wurden in Nebel gehüllt und schon begann die Show. Der düstere erste Track sorgte für Gänsehaut. Der Frontmann hockte sich neben seinen Mikrofonständer und sang so voller Inbrunst. Drummer Frosti war hier ganz Rocker-like mit Zigarette im Mund. Zu „Virgin“ tanzten das Publikum dann mit und die Stimmung nahm mächtig Fahrt auf. Das Licht war hier besonders schick anzusehen und die drei Isländer verzauberten uns wieder einmal. „We are so glad, to be back in Germany“ meinte der Sänger und dann stimmte er „Sister“ an. Die Menge jubelte dazu und Band und Fans feierten ordentlich ab. Beim folgenden Lied „City“ veränderte Krummi seine Stimme mit einigen Effekten, was mit viel Beifall honoriert wurde – das klang aber auch gigantisch. Auch die Fotografen gaben hier ihr Bestes und legten sich sogar auf die Bühne vorn, um beste Ergebnisse zu erzielen. Es wurde mitgesungen, getanzt, mitgeklatscht und einfach Party gemacht. Dann erzählte Krummi etwas und verkündete unter anderem, dass er Respekt für Deutschland empfindet, was ihm einen Extraapplaus einbrachte, bevor es dann mit dem nächsten Track weiterging. Ich hätte noch ewig zuhören können, denn ich mag diese Band echt, aber die nächste Show rief uns.

Schloss Tegal
Schloss Tegal

Auf der Kulturbühne waren die Industrial-Dark Ambient-Herren von Schloss Tegal an der Reihe. Die US-Amerikaner hatten ordentlich am Lautstärkeregler gedreht und somit war es echt laut. Richard und Mark hatten ihre Gesichter mit schwarzen Tüchern verhüllt und drehten so an ihren Knöpfen, um wilde Sounds zu erzeugen. Im Hintergrund lief die ganze Zeit ein Video ab. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass mir diese Klänge echt zu abgefahren waren und ich mir lieber etwas zu Trinken besorgte, um ein wenig auszuruhen.

Stahlmann
Stahlmann

Nach der kleinen Pause rockten für uns dann Stahlmann aus Göttingen die Parkbühne. In Nebel und blaues Licht gehüllt stürmten die vier Herren nach vorn und wurden mit Jubel empfangen. Es war richtig voll vor der Stage. Natürlich waren die vier wieder silbern angemalt und Sänger Mart hatte eine Kapuze auf dem Kopf. „Willkommen“ war hier der passende Beginn eines rasanten Sets. Mart zog seinen Mantel schnell aus – es wurde schnell warm, denn die Stimmung war entsprechend wild. Nach einem „Schönen guten Abend NCN“ spielte er das beliebte Spielchen – Männlein gegen Weiblein und wer am lautesten „Hey“ brüllen kann. Gemeinsam ging es am besten und schon spielten und die Musiker ihre aktuelle Single „Plasma“ vor. Hiernach flog ein „Schlüpper auf die Bühne – von einem Kerl“, was für einige Lacher sorgte. Weiter ging es dann mit „Der Schmied“ und natürlich durfte auch Werbung für das kommende Album nicht fehlen. Die Arme waren hier überall oben und alle klatschten im Takt mit. Nach all den schnellen Rhythmen gab es mit „Spiegelbild“ die Chance zum Ausruhen. Feuerzeuge und Handys leuchteten hier und schafften eine fast romantische Stimmung. Rocker können eben auch leise Klänge!

Echo West
Echo West

Für uns ging es dann aber weiter beim Bühnen-Hopping. Auf der Weidenbogenbühne spielten Echo West und da wir diese Band noch nie live erleben durften, wollten wir zumindest ein bisschen dabei sein. Die Cold Electro-Formation aus Dortmund war leider kaum zu sehen, da auch hier zahlreiche Zuschauer vor der Bühne Stellung bezogen hatten. Lediglich die Köpfe der Musiker sah ich immer mal ganz kurz und das Video im Hintergrund. Der Sound war dafür astrein und regte zum Tanzen an. Wir hatten hier schon fast das Ende des Gigs erwischt und so kam es dann schon zum „letzten Lied“. Die Herren boten uns hier mit „Tempelfeuer“ „was Gruseliges“. Es wurde ja allmählich schon dunkler und da passte das thematisch ganz gut. Schade, dass wir nicht noch mehr sehen und hören konnten – das war echt gut.

Merciful Nuns
Merciful Nuns

Die Amphibühne bot anschließend Gothic Rock von der deutschen Band Merciful Nuns. Das Trio hatte wieder mehrere Bildschirme auf der Stage platziert, wo zu Beginn ein Countdown runtergezählt wurde. Als Artaud, Jawa und Gast-Gitarrist Ashley dann nach vorn kamen, leuchteten von hinten weiße Lichtkegel, was superschön wirkte. Dazu passte dann das Stück „Speed of light“. Ich hatte die Formation schon mehrfach live erleben können und fand, dass sie an diesem Abend besonders flotte Stücke für ihr Set rausgesucht hatten. So kam schnell Stimmung auf und bei vielem Nebel auf der Bühne konnte gut abgetanzt werden. Artaud meinte hiernach: „It’s always a pleasure to be here.“ Trotz der späten Stunde trugen die drei Musiker die ganze Zeit ihre Sonnenbrillen und bei „Karma Inn“ groovten sie so richtig ab. Der Frontmann bewegte sich immer wieder nach vorn an den Bühnenrand und gab alles. Ashley konnte kaum an sich halten und rockte richtig ab – es war eine wahre Freude, ihm zuzusehen. Bei „Genesis revealed“ war anfangs der Text der christlichen Genesis zu hören und auf den Bildschirmen zu lesen – Bibelkunde auf einem Konzert – das erleben wir auch nicht alle Tage. Da aber niemand zu Staub zerfiel, war es also nicht schlimm und es konnte weiter gerockt werden.

Deutsch Nepal
Deutsch Nepal

Auf der Kulturbühne war dann wieder Düster-Industrial angesagt – dieses Mal war der Schwede Peter Andersson mit seinem Projekt Deutsch Nepal an der Reihe. Die Solo-Show des Musikers wurde begleitet von einer Videoshow im Hintergrund, während er vorn am Mikrofon stand und zu den dunklen Klängen die Texte zum Besten gab. Mir persönlich war das aber wiederum zu abgefahren und ich nahm mir Zeit für die vielen Freunde auf dem Festival.

Dismantled
Dismantled

Die Parkbühne bot dann ganz andere elektronische Klänge – Dismantled aus den USA hatten sich angekündigt und darauf waren wir gespannt. Sänger Gary und Keyboarder TZA gingen hier von den ersten Tönen an so derartig ab, dass ich irgendwie stark an die Live-Shows von Aesthetic Perfection oder auch Combichrist erinnert wurde. „Insecthead“ und das anschließende „Kill or be killed“ brachten die Menge zum Abfeiern und Gary fragte in bester US-Manier: „How are you fucking doing tonight Leipzig?“ Dann schüttete er sich Wasser über den Kopf und wirbelte über die kleine Bühne. Leider ging das Mikrofon von TZA irgendwie nicht, so dass ihr Gesang nur ab und an zu hören war, wenn sie besonders laut brüllte. Drummer Jon war hinter seiner Schießbude kaum zu sehen und außerdem stand er fast nur im Dunkeln. Nichtsdestotrotz tobten die Fans mit und die Arme waren immer oben. Mit „Disease“, einem „special song“ ging es weiter im Programm und die wilden Beats ließen auf und vor der Stage die Haare nur so fliegen. Es machte es Spaß, denn die Energie der Band prickelte nur so in der Luft.

Psyche
Psyche

Wir hatten dann aber ein Date mit Psyche auf der Weidenbogenbühne. Darrin war hier der Headliner auf der Stage und hatte sein Publikum bereits gut im Griff. Wirklich jeder tanzte hier und es war entsprechend voll. Von dem Sänger war immer nur mal der Kopf oder die erhobenen Arme zu sehen – schade. Aber seine Stimme entschädigte dafür – Songs wie „Eternal“ oder auch „Misery“ wurden mit viel Jubel aufgenommen. Darrin lud zwischendrin alle Fans an den Stand von Die-Schwarze-Familie.net ein, wo er später noch eine Autogrammstunde geben würde und sein Merchandise verkaufen wollte. Er selbst tanzte auch ausgelassen zu den eigenen Klängen und nach „The brain collapses“ kam der Klassiker „Sanctuary“ zu seinen Ehren und wurde lauthals von den Fans mitgesungen. Es hätte nicht besser sein können und alle Anwesenden hatten ihren Spaß – danke Psyche für diese tolle Show.

Die Krupps
Die Krupps

Und dann war es Zeit für den Headliner des ersten Festival-Tages. Manja kündigte die Formation aus Düsseldorf wie folgt an: „Ich bin ein Kruppi – wer noch?!“ Viele brüllten hier ihre Liebe zu Die Krupps heraus und dann ging es los. Doch irgendwie machte die Technik noch Pause – anfangs schien es, als ob die Boxen noch aus waren – es klang zumindest irgendwie leise und dumpf – schade. Die Band merkte davon aber nichts und Sänger Jürgen und seine Kollegen tobten nur so über die Bühne. Die Gitarristen griffen bei „The dawning of doom“ nur so in die Saiten und Jürgen heizte dem zahlreich erschienenen Publikum mächtig ein. Weil es um diese Tageszeit schon etwas frisch war, meinte der Frontmann dann auch passend: „Es ist so kalt hier – Zeit zum Aufwärmen“ – und damit stimmte er „Kaltes Herz“ an – ein Stück von der aktuellen, neuen CD. Das Licht war an diesem Abend echt toll und nach und nach bekamen die Techniker auch die Soundprobleme in den Griff und so wurde es noch zu einem tollen Genuss. Weiter ging es dann mit „Risikofaktor“ und dem Klassiker „Isolation“. Die Fans hatten richtig Spaß – die Arme waren oben und es wurde mitgesungen. Auch Tanzende waren überall zu sehen.

Doch an dieser Stelle war für uns Schluss für den ersten Abend – wir waren müde und machten uns auf den Heimweg. Für den nächsten Tag mussten wir noch etwas Energie tanken – also ab ins Bett.

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Autor: Scratchcat

Photos: Pyro

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