Rezension U-Line Verlag – „Kranke Geschichten“

Die Anti-Pop!-Reihe ist nach Aussage des U-Line Verlags „Literatur jenseits des Alltäglichen“. Nun erschien am 15.03.2013 die neue Anthologie mit Namen „Kranke Geschichten“. In neuer Aufmachung gab es das Ganze als Hardcoverbuch mit einem passenden Coverbild zum Buchtitel – eben „krank“.

In diesem Buch findet der Leser 11 Kurzgeschichten oder Auszüge aus Büchern von ebenso vielen verschiedenen Autoren. Zusammengestellt hat die Sammlung die Lektorin des Verlags Franziska Köhler. Beim Lesen wird es von Geschichte zu Geschichte immer „kranker“ und abgefahrener.

Den Anfang macht Boris Koch mit „Grenzgänger“. Hier lernt der Leser einen jungen Mann kennen, der in einem geteilten Dorf lebt, wo zwischen Ober- und Unterdorf stark ausgeprägte Feindschaft herrscht. Was er so alles erlebt und was geschieht, als eine Frau von außerhalb in den Ort kommt und die „Grenze“ gänzlich missachtet – das ist zum Teil doch recht krass. Ich möchte nicht mehr verraten, denn das würde die Spannung zerstören.

Ramona Ambs erzählt in der folgenden Geschichte „Streichelzoo“ von Merle, die kokainsüchtig ist und dafür auf den Drogenstrich geht. An einem Tag aber passt sie für ihre Freundin Else vom Bahnhof auf ein Huhn auf. Else kommt aber nicht so schnell zurück, wie sie es versprochen hatte und so verlebt Merle einen sehr aufregenden und anstrengenden Tag mit dem Huhn, dass sie Helene nennt. Mal rettet ihr Helene das Leben und dann wieder umgekehrt. Ob aber beide auch die Nacht überstehen – lest am besten selbst.

Als nächster ist Christoph Strasser an der Reihe, seine Story „Obama“ zu erzählen. Hier ist eine Videothek der Handlungsort. Der Protagonist soll hier seine neue Arbeitsstelle antreten, hat er doch schon früher in dem Laden gearbeitet, bis er niederbrannte. An diesem beschriebenen Tag eröffnet die Videothek endlich wieder neu. Das dies aber nicht alles glatt läuft, liegt wahrscheinlich daran, dass Murphy seine Finger im Spiel hat. Aber beim Lesen wird klar, dass die Hauptperson echt mal wirklich viel Pech auf einmal hat – der arme Kerl. Irgendwie kommt immer mehr Mitleid mit ihm auf. Und was nun Obama in einer Videothek macht – tja, schaut auf Seite 73 nach.

Stiff Chainey lädt uns bei „Sommerhitze“ ein, seine Hauptfigur bei der Arbeit zu begleiten. An einem heißen Sommertag folgen wir ihm in eine Seitengasse, in dunkle Hinterzimmer. Dort geht er einem Handwerk nach, das nicht alltäglich und vor allem nicht besonders pietätvoll ist. Ob er seinen Job gern macht? – Nun ja, er selbst beschreibt, dass er im Laufe der Zeit abgestumpft ist und nichts mehr dabei fühlt. Aber dann regt sich doch ein wenig das Gewissen in ihm – oder doch nicht?! Als Engelmacher ist es nicht leicht, mit seinen „Kunden“ umzugehen. Was in ihm vorgeht, das erfahrt ihr hier – diese Geschichte solltet ihr unbedingt lesen.

In „(Blind)-Date zu dritt“ gibt Oliver Flesch schon einen exklusiven Ausblick auf sein kommendes Werk „Baby, das war’s!“. Darin erzählt er von Lisa, seiner Ex-Freundin und dass sie der Grund dafür ist, dass er von Hamburg nach Berlin umziehen will. Er hat starken Liebeskummer und sein Kumpel Ronny möchte ihn mit einem Blind Date ablenken. Als das aber schief geht, versucht er sich anders in der neuen Stadt abzulenken. Doch dann taucht Lisa wieder in seinem Leben auf – ein Jahr nach der Trennung. Sie nähern sich wieder einander an. Ob es ein Happy End gibt, das könnt ihr euch sicherlich anhand des Buchtitels denken – wenn nicht, müsst ihr es wohl oder übel nachschmökern.

Nachfolgend berichtet Christian von Aster über „Die dunkle Seite des Plüsch“. Mir war bis dato nicht bewußt, was alles in Plüschtiere hineininterpretiert werden kann, aber hier wurde mir so manches klar. Plüschteddys als Drogenkuriere, Stofftiere als Sinnbilder für „kranke“ Weltbilder, Plüschtiermassaker nach dem Vorbild Frankensteins und noch mehr. All das ist mit Holzwolle, Polyester und viel Plüsch möglich. Und natürlich verändert all das die Sicht auf die kleinen knuddeligen Weggefährten der Kindheit. Herr von Aster nimmt hier kein Blatt vor den Mund und schon ist das Weltbild des Plüschs ein ganz anderes – erschreckend!

Alexander Kaschte, vielen sicherlich bekannt als Frontmann der Band Samsas Traum, verdingt sich neuerdings auch als Autor. Seine exklusive Geschichte „Bitte nicht ficken!“ ist anfangs sehr heiß. Ein Pärchen, das sich noch nicht lang kennt, ist heiß aufeinander und muss aufgrund äußerer Umstände in einer Nacht mehrmals Anlauf nehmen, den Akt zu vollziehen – niemals schaffen sie ganz es die Gipfel der Sexualität erklimmen zu können. Die sehr offene und bildhafte Sprache ist durchaus sehr anregend. Warum das ganze dann aber „Bitte nicht ficken!“ heißt, dass erfahrt ihr am Ende der Story – wollte der junge Mann dann doch keinen Sex?! Schaut selbst nach.

In der nächsten Erzählung „Frank Zart – der Automatenwart“ von Markolf Hoffmann lernt der Leser einen Mann kennen, der dafür lebt, dass in Berlin und Umgebung alle Automaten einwandfrei funktionieren. Frank ist dabei der Beste seines Faches und macht keinen Unterschied, ob es ein Kaugummiautomat oder ein Kondomautomat ist. Er kennt sie alle. Als er dann von den Herren der Hölle dazu aufgefordert wird, den „Weltenautomat“ zu reparieren, handelt er für sich die besten Konditionen aus und macht sich an die Arbeit. Warum dann immer noch nicht alles wieder im Lot ist mit der Welt, das könnt ihr hier erfahren.

Hiernach begleiten wir, erzählt von Andreas Kurz, einen „Sommerkrieger“ auf seinem Kriegsmarsch durch den heimischen Wald. Dabei hantiert er mit einem gestohlenen Gewehr, das er aber nicht lädt, da er nur eine Patrone hat. Auf einem seiner Streifzüge findet er einen toten Mann, was ihn aber nicht weiter stört. Er findet ihn eher interessant und meldet seinen Fund nicht. Will er doch nicht, dass der Wald durchsucht wird – die Polizei würde sonst nur das Waffenlager finden, wo auch er sein Gewehr her hat. Nein, lieber weiter für den „Krieg“ üben und alles schön für sich behalten. Als ihm dann aber doch einmal ein anderer gegenüber steht und er sich als harter Kerl erproben könnte, versagt er. Wie geht er mit diesem Rückschlag um – das möchte ich euch aus dramaturgischen Gründen nicht verraten.

Die nächste Autorin in dem Kurzgeschichten-Reigen ist Ina Brinkmann. Von ihr stammt die exklusive Story „Erst sind sie süß – dann kommen sie in die Wurst“. Hier erzählt uns Rolf von seinem Leben auf dem Land, wo er und sein kleiner Bruder Philip von ihren beiden Schwestern immer wieder hart drangsaliert und schikaniert werden. Einmal werden die beiden Jungs im Schweinestall eingesperrt und mit Mist beworfen, bis die Mädels keine Lust mehr haben und die beiden Brüder im Stall übernachten müssen. Rolf berichtet außerdem davon, dass er sich verliebt hat und mit dieser Liebe gegen das „Amsterbensein“ ankämpft, denn das „Amlebensein“ ist wichtiger als alles andere. Diese Liebe steht leider unter keinem guten Stern – ist sie doch unkonventionell und die meisten Menschen würden sie auch als gesetzeswidrig bezeichnen. Lest am besten selbst nach, wen Rolf liebt und warum dann letztendlich alles schief gehen muss.

Den Schlusspunkt bildet Luci van Org mit dem exklusiven Ausblick auf ihren kommenden Roman „Frau Hölle“. In „Tod durch Hasendämon“ berichet sie von Birthe, einer gläubigen Christin, die zum heiligen Osterfest beschließt zu heiraten. Denn Sex gehöre in die Ehe und dann würden auch endlich ihre lesbischen Gefühle weggehen. Das Ziel ihrer heimlichen Begierde ist ihre türkische Freundin Gül, die das Ganze mit dem Sex eher offen sieht, was sie immer wieder verstört zurücklässt. Der ausgewählte zukünftige Ehemann ist Birthes Nachbar Klaus, der allerdings von einem rosafarbenen Hasendämon getötet wurde. Wie Birthe diesem Vieh entkommt und was ihr Gewissen damit zu tun hat – dazu mag ich hier nichts weiter schildern, denn das würde den ganzen Spaß ja verderben.

Und dann sind die 207 Seiten des Buches auch schon wieder ausgelesen. Für mich ist diese Sammlung sehr gelungen. Es wird selten langweilig und der Titel ist mehr als passend. Meine besonderen Highlights waren: „Streichelzoo“, „Die dunkle Seite des Plüsch“ und „Tod durch Hasendämon“. Immer wieder stellte ich mir auch die Frage, wie „krank“ muss ein Autor sein, um sich das ein oder andere auszudenken. Und woher kennt der oder die andere manche Begebenheiten so genau – zum Beispiel die genauen Wirkungen von Kokain und dessen Entzug oder wie sich eine Leiche anfühlt. Kaum steht die Frage im Raum, möchte ich es dann doch wieder nicht genau wissen. Aber das ist wahrscheinlich das Tolle an „Kranken Geschichten“ – die Schriftsteller können einfach alle irren Gedankengänge notieren und unter dem Mantel der Fiktion ist es in Ordnung. Ich kann das Ganze auf jeden Fall sehr empfehlen – wenn ihr auf das Andere, das Provokante oder Absurde steht, dann ist diese Sammlung genau euer Ding.

Autor: Scratchcat

Veröffentlichungsdatum: 15.03.2013

Verlag: U-Line Verlag

Format: Hardcover, 12x18cm / 208 Seiten

ISBN: 978-3-939239-51-2